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Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig (2. Kor. 12,9)

Was bedeutet Schwachheit? Schwachheit ist das Gegenteil von Stärke. Stärke hat mit Energie, mit Kraft, mit Macht, mit  Autorität zu tun. Ist man stark, kann man Dinge bewegen. Ist man schwach, ist man nicht in der Lage, Dinge in Bewegung zu setzen. Es kann sogar passieren, dass man von den Starken bewegt wird - ohne dass man es womöglich will. Starke gelten als entscheidungs-, durchsetzungs- und leistungsfähig. In unserer Leistungs- und Ellbogengesellschaft sind solche Eigenschaften gefragt. Problematisch ist, dass die Meinung der Schwächeren oft nichts gilt. Sie werden nicht gehört, nicht gesehen, nicht gefragt. Ob ich stark oder schwach auf andere wirke, hängt nicht nur von mir, sondern auch von der Stärke oder Schwäche der anderen ab. (Demonstration von Stärke mit Hanteln). Die Frage ist allerdings, ob uns der Vergleich mit anderen oder Gottes Perspektive über uns wichtig ist (s. Predigt: Wie Gott uns sieht). Deshalb wollen wir jetzt nicht die weltliche Sicht von Schwachheit und Stärke, sondern Gottes Perspektive betrachten. Was sagt uns das Wort Gottes darüber?

Ps. 86,6a:
Glücklich ist der Mensch, dessen Stärke in dir ist, …

Jes. 49,5b:
… mein Gott ist meine Stärke geworden.

Eph. 6,10:
Schließlich: Werdet stark im Herrn und in der Macht seiner Stärke!

David, Jesaja und Paulus wissen, wovon sie schreiben. Sie haben erlebt, dass Gott ihnen geholfen hat, dass er ihnen Kraft gegeben hat. Sie haben erlebt, was es bedeutet, aus der Kraft Gottes zu leben. Zuvor haben sie allerdings meist die Begrenzung ihrer eigenen Kraft und somit ihre eigene Schwachheit erlebt. Beispiele:

David sagt in Ps. 142,7:
Horche auf mein Schreien, denn ich bin sehr schwach. Rette mich vor meinen Verfolgern, denn sie sind mir zu mächtig!

Paulus äußert in 2. Kor. 12,9:
Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig.

Niemand von uns würde behaupten wollen, dass David, Jesaja oder Paulus schwache Persönlichkeiten waren. Sie waren sich allerdings ihrer Schwachheit bewusst. Sie waren sich bewusst, dass sie die Hilfe Gottes benötigen. Sie waren sich bewusst, dass sie aus Gottes Kraft die Stärke erlangen, um seine Wege gehen und seinen Willen tun zu können.

Betrachten wir Paulus: Er erlebt und versteht sich selbst als schwacher Mensch, obwohl er  auf seine Herkunft und seine Bildung stolz hätte sein können. Wir können in Phil. 3,5 lesen:

"Beschnitten am achten Tag, vom Geschlecht Israel, vom Stamm Benjamin, Hebräer von Hebräern; dem Gesetz nach ein Pharisäer;". Er hatte also die besten Voraussetzungen, um bei den Juden allgemein anerkannt zu sein und dort als starker Mensch zu gelten. Er lebte mit vollem Eifer nach dem Gesetz. Aber er wusste seit seiner Errettung, dass seine weltlichen Voraussetzungen vor Gott nichts gelten. Zwei Verse später lesen wir:

"Aber was auch immer mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Verlust gehalten;".

Paulus hätte auch als Apostel in der Gefahr stehen können, sich gerade aufgrund seiner Stellung als Apostel, seiner Leistungen und seiner Leidensbereitschaft für das Reich Gottes zu beurteilen. Er hätte auf die Anzahl seiner Gemeindegründungen zurückschauen können und die Anzahl der Menschen, die sich bekehrt haben. Aber seine Beurteilung über sich selbst zeigt, dass er dabei andere Maßstäbe heranzieht. Er sagt über sich:

"Denn ich bin der Geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, darum dass ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe. Aber von Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe viel mehr gearbeitet denn sie alle; nicht aber ich, sondern Gottes Gnade, die mit mir ist." (1. Kor. 15,9-10)

"Mir, dem allergeringsten von allen Heiligen, ist diese Gnade gegeben worden, den Nationen den unausforschlichen Reichtum des Christus zu verkündigen."  (Eph. 3,8)

"Denn das steht unumstößlich fest, darauf dürfen wir vertrauen: Jesus Christus ist auf diese Welt gekommen, um uns gottlose Menschen zu retten. Ich selbst bin der Schlimmste von ihnen." (1. Tim 1,15)

Ich bin davon überzeugt, dass diese Aussagen - der Geringste unter den Aposteln zu sein, der Allergeringste unter den Heiligen zu sein, der schlimmste Sünder zu sein - nicht nur fromme Floskeln von Paulus sind. Jetzt könnte man vermuten, sein Selbstbewusstsein ist geschrumpft und er hatte ein Problem mit seiner Selbstwahrnehmung. Aber daran lag es bestimmt nicht! Paulus hatte während seines Lebens eine enge Beziehung zu Gott. Ich habe den Eindruck, dass ihm immer mehr bewusst wurde, wie abhängig er von Gott und seiner Gnade war, je enger seine Beziehung zu ihm wurde. Je länger er im Glauben war, desto größer wurde seine Offenbarung über Gott und je mehr wurde ihm die Größe Gottes bewusst. Je mehr er Gott,  seine Größe, seine Liebe, sein Erbarmen, seine Gnade usw. kennen gelernt hat, desto deutlicher wurde ihm, wie klein er als Mensch vor Gott war. Interessant dabei ist, dass Paulus (lat.) übersetzt klein heißt. Sein Name passt also sehr gut zu dem, wie er sich in seiner Stellung vor Gott wahrnimmt. Paulus weiß, dass es bei seinem Dienst nicht um seine Stärke und um die Selbstdarstellung der eigenen Größe geht, sondern darum, Menschen für das Reich Gottes zu gewinnen. Diesen Dienst tut er in dem Bewusstsein, dass ihm dies nicht aus eigener Kraft, sondern nur durch die Führung und die Stärke Gottes gelingt. Sein Part ist der Gehorsam.

Paulus hat in seinem Leben sehr viel erlebt - Höhen wie Tiefen. Unvorstellbare Dinge hat er dabei erfahren. In 2. Kor. 12,2 können wir bspw. lesen, dass er in den dritten Himmel entrückt wurde. Er befand sich auch im Paradies und hat unaussprechliche Worte vernommen (V. 4). Ist dies für ihn ein Grund überheblich zu werden und sich für etwas Besonderes zu halten? Nein! Er rühmt sich nicht seiner Stärken, sondern seiner Schwachheiten (V. 5). Und damit er nicht in der Gefahr steht, sich über andere zu erheben, musste er Leid erfahren. Ab V. 7b lesen wir:

7b Darum, damit ich mich nicht überhebe, wurde mir ein Dorn für das Fleisch gegeben, ein Engel Satans, dass er mich mit Fäusten schlage, damit ich mich nicht überhebe.
8 Um dessentwillen habe ich dreimal den Herrn angerufen, dass er von mir ablassen möge.
9 Und er hat zu mir gesagt: Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft kommt in Schwachheit zur Vollendung. Sehr gerne will ich mich nun vielmehr meiner Schwachheiten rühmen, damit die Kraft Christi bei mir wohne.
10 Deshalb habe ich Wohlgefallen an Schwachheiten, an Misshandlungen, an Nöten, an Verfolgungen, an Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.

Als er diesen Dorn im Fleisch bemerkt hat, hat er nicht gesagt. "Cool, ich darf leiden!" Nein, er hat Gott angerufen. Er wollte, dass Satan ihn in Ruhe lässt. Er wusste, Gott hat die Macht. Aber was passiert? Beim ersten Gebet, das nach meiner Vorstellung sicher nicht in aller Stille ablief, sondern ein Schrei um Hilfe in der Not war, kam keine Reaktion. Dann folgte das zweite Gebet. Wir wissen nichts über den zeitlichen Abstand dieser Gebete, ich kann mir aber vorstellen, dass Paulus dieses Anliegen, diesen Dorn im Fleisch loszuwerden, sehr dringlich war. Wieder erfolgte keine Veränderung. Die Gebetserhörung blieb aus. Paulus ließ aber nicht locker. Er wollte eine Antwort. Er rief Gott ein drittes Mal an. Dann kam eine einfache, ernüchternde Antwort Gottes: Meine Gnade genügt dir, denn meine Kraft kommt in Schwachheit zur Vollendung (V. 9).

Und diese Gnade Gottes bedeutet:

"Ich, dein Herr und Gott, bin da! "
"Und ich bin für dich gestorben und niemand kann dich aus meiner Hand reißen."
"Fürchte dich nicht, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein."

Paulus wird von Gott gelehrt: ''Lass dir an meiner Gnade genügen...''. Dieser eine Satz macht deutlich: Es geht nicht um unser menschliches Ringen um Gerechtigkeit, um unseren Einsatz für Gott, um unsere menschliche Stärke und Leistung, sondern um seine unverdiente Gnade. Aufgrund dieser Gnade werden wir vor Gott gerecht, empfangen wir seine Liebe und Zuwendung, erkennen wir seinen Willen und empfangen seine Kraft, um seinen Willen tun zu können.

Aber Gottes Antwort bedeutet für Paulus auch: Die Krankheit (wenn es denn eine war) bzw. die Situation bleibt.

- Er wird nicht gesund bzw. er muss die Situation aushalten.

Bei dieser Nichtheilung/ -veränderun geht es nicht darum, die Leidensfähigkeit oder die Tragkraft des Apostels zu erhöhen. Leid hat er in seinem Leben oft genug erfahren. Er hatte sehr schwierige Herausforderungen und Glaubensprüfungen zu bestehen. Er wurde dreimal mit Stöcken geschlagen, fünfmal musste er je 40 Geißelhiebe erdulden, er wurde gesteinigt und erlitt dreimal Schiffbruch (2. Kor. 11,23). Sein Leben war sehr oft in Gefahr.

Bei dieser Nichtheilung/ -veränderung geht es darum: Paulus muss zwar den Dorn im Fleisch und somit einen Zustand von Schwachheit ertragen, aber er erfährt, dass Gott in seiner Gnade da ist und seine Kraft in ihn hineinströmen lässt. Dieser Kraftstrom ist aber nicht nur für ihn gedacht, sondern auch für seine Mitmenschen, zu denen diese Kraft weiterfließt. Wir sehen auch hier wieder, dass es nicht darum geht, dass Paulus aus seiner eigenen Kraft heraus agiert, sondern sich von Gott gebrauchen lässt. Gott kann uns dann am besten gebrauchen, wenn wir auf ihn schauen und bereit sind, uns von ihm führen zu lassen.

Wie geht es uns, wenn wir uns schwach fühlen? Sagen wir dann wie Paulus, wir sind trotz unserer Schwachheit stark in Gott? Ehrlich, das ist nicht das erste, was mir dazu einfällt. Schwäche zu verspüren ist für mich kein angenehmes Gefühl. Schwachheit belastet und beschwert. Das ist unabhängig davon, ob die Schwachheit aufgrund einer körperlicher oder mentalen Schwäche, einem Problem oder einem Leiden besteht. Schwachheit erleben, das will ich nicht. Deshalb bitte ich Gott, dass er die Schwachheit von mir weg nimmt. Ich denke: "Wenn ich dieses Problem nicht hätte, dann wäre mein Leben so einfach. Ich wäre so viel freier und dann könnte ich Gott so gut dienen."  Dabei vergesse ich aber, wie Gott wirkt und mit uns arbeitet. Ich vergesse es, obwohl ich weiß, dass ich die Gnade Gottes nicht kennen gelernt hätte, wenn ich nicht durch Probleme und Tiefen gegangen wäre. Gerade dann, wenn ich schwach, leer, verzagt und zerbrochen war, hat Gott in mir Veränderung geschaffen. Er verändert nicht immer die Situation, aber er verändert meine Haltung zur Situation. Er verändert mein Innerstes. Dadurch erhalte ich Kraft, Gottes Kraft, obwohl ich eigentlich schwach bin. Und das wird mir und anderen zum Segen.

Wenn wir sagen, dass Gottes Kraft in uns mächtig ist, hat das nichts mit positivem Denken zu tun. Wenn Gottes Wahrheit in uns lebendig wird, geschieht eine Veränderung in uns, die auch unsere Umwelt mitbekommt. Manchmal werden wir dabei herausgefordert, Dinge zu tun, die wir uns vielleicht zuerst nicht einmal zutrauen. Wir wissen, wir sind dabei auf Gottes Kraft und Weisheit angewiesen. Ich frage euch: Wenn wir wissen, dass wir Gottes Willen tun - und wir uns dabei womöglich total schwach, unsicher, verletzlich fühlen -, ist es dann wichtig, was als Ergebnis herauskommt? Natürlich wollen wir ein aus unserer Sicht positives Ergebnis. Natürlich wollen wir als Mitarbeiter Gottes Erfolg in unserem Tun haben. Aber ist das Ergebnis wirklich wichtig? Drei Dinge sind mir dazu eingefallen:

1. Wir sind Werkzeug in Gottes Hand. Ich habe eine Zange und einen Hammer mitgebracht. Wenn ich jetzt die Wand einschlagen will, werde ich die Zange nehmen? Nein! Sie ist ungeeignet. Ich werde natürlich den Hammer nehmen. Aber wird das mit diesem Hämmerchen funktionieren? Nein! Warum nicht? Mein Hammer ist ebenfalls ungeeignet, weil er viel zu schwach ist. Für die Wand würden wir einen anderen Hammer nehmen - am besten einen Vorschlaghammer. Bei Gott ist es anders: Will er uns für eine Aufgabe haben, obwohl wir menschlich gesehen zu schwach sind, wird er uns mit seiner Kraft stärken.

2. Unsere Verantwortung ist der Gehorsam seinem Willen und seinem Gebot der Liebe gegenüber. Unser menschlicher Einfluss im Agieren für Gottes Reich ist oft sehr begrenzt. Ich weiß nicht, ob es euch auch so geht, dass ihr manchmal denkt, totales Chaos angerichtet zu haben, obwohl das von euch angestrebte Ergebnis echt positiv war. In diesem Punkt dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott einen Plan hat und er diese Situation für seine Zwecke dennoch nutzen kann. Seine Wege sind eben unergründlich.

3. Wir müssen damit rechnen, dass wir angegriffen und verletzt werden. Das ist schmerzhaft. Wir haben gesehen, dass Paulus gesteinigt, gegeißelt wurde. Dennoch hat er nicht aufgegeben. Er hat nicht gesagt: Es reicht - eine Steinigung ist genug, ich ziehe mich jetzt zurück, sollen andere im Reich Gottes arbeiten. Ich denke, er wusste vor allem um seine Stellung vor Gott, wer er vor Gott war. Aus diesem Bewusstsein heraus war er in der Lage, seine Glaubensprüfungen und die Herausforderungen seines Lebens zu bestehen und seine Schwachheit anzunehmen.

Schauen wir uns zum Abschluss Jesus an: Wie kam er in die Welt? Obwohl er Gottes Sohn war, kam er nicht in Macht und Herrlichkeit in die Welt, sondern als Säugling. Er wurde nicht in einem Palast geboren, sondern in einem Stall. Gott hätte seinen Sohn in Macht und Herrlichkeit in die Welt kommen lassen können. Jesus hätte seine Macht demonstrieren können, indem er alle danieder wirft, die ihm im Weg gestanden hätten. Aufgrund seiner Macht wäre er in der Lage gewesen, die Herrschaft der Welt an sich zu reißen und sich als Herrscher einzusetzen. Ich denke, viele Menschen, viel mehr als zur damaligen Zeit, hätten ihn wahrgenommen, hätten ihn respektiert und an ihn geglaubt. Dieser Glaube hätte allerdings auf der Angst vor Gottes Macht basiert.

Gott ist anders. Dies war nicht sein Weg, den er für uns hat. Er weiß um seine Macht. Er hat es nicht nötig, seine Macht in Form von Gewalt zu demonstrieren, wenn es darum geht, dass Menschen an ihn glauben. Er möchte nicht, dass wir nur an ihn glauben, weil wir Angst vor ihm haben. Er ist Liebe und unser Glaube an ihn soll auf einer Liebesbeziehung gegründet sein. Nicht unsere Leistung und unsere Stärke stellt das Fundament unserer Beziehung zu Gott dar, sondern Gott wendet sich uns zu. Er selbst spricht uns ''in Christus'' gerecht. Diese Gerechtigkeit erfahren wir ebenfalls aufgrund der Gnade und Liebe Gottes, die er uns schenkt. Wir können uns die Liebe Gottes, seine Gnade und Gerechtigkeit nicht verdienen. Jesus hat das Opfer, das dafür nötig war, bereits getan. Er, der mächtige Löwe aus dem Stamme Juda, wurde für uns zum Opferlamm. Er starb für uns am Kreuz. Gott hat den Weg für uns dadurch geebnet. Wir sind nicht in der Lage, von uns aus einen Weg zu Gott zu schaffen.

Gottes Gnade gilt heute noch. Sie gilt auch für uns. Wir dürfen uns wie Paulus an der Gnade Gottes genügen lassen. Fühlen wir uns schwach, können wir uns wie David am Herrn stärken (1. Sam. 30,6) und aus Gottes Kraft leben. Trotz unserer Schwachheiten dürfen wir uns der Macht und Kraft Gottes in unserem Leben bewusst sein.


Gemeinde Gottes Nördlingen

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