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Wunder

Joh 20:
30 Auch viele andere Zeichen hat nun zwar Jesus vor den Jüngern getan, die nicht in diesem Buch geschrieben sind.
31 Diese aber sind geschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben Leben habt in seinem Namen.

Wer weiß denn, um welche Zeichen es sich dabei handelt?

Joh. 2,1ff:     Verwandlung von Wasser zu Wein         Herr über Qualität
Joh. 4,43 ff     Heilung des Sohnes des königlichen Beamten/Herr über Raum/ Entf.
Joh. 5,1 ff    Heilung eines Kranken am Teich Betesda    Herr über Krankheit
Joh. 6,1 ff    Speisung der Fünftausend                Herr über Quantität
Joh.6,16ff    Wandeln auf dem Wasser                Herr über Naturgesetze
Joh. 9,1 ff    Heilung eines Blindgeborenen            Herr über Zeit
Joh. 11,17ff    Auferweckung des Lazarus            Herr über Leben und Tod

Johannes hat insgesamt sieben Wunder aus all den Wundern, die Jesus vollbracht hat, herausgesucht. Es geht dabei um Wunder, die seine Kraft und Autorität demonstrieren. Johannes will damit keinen Sensationshunger nach mehr Wundern in den Menschen hervorrufen, sondern darauf hinweisen, wer Jesus ist und was er tun kann. Johannes ist davon überzeugt, dass seine Auswahl den Menschen helfen wird, an Jesus als Sohn Gottes zu glauben. Sein Ziel ist, Glaube in den Menschen, die sein Evangelium lesen, hervorzurufen. Dies liegt ihm sehr am Herzen, denn er weiß, dass nur der Glaube an Jesus ewiges Leben bringt.

Was ist ein Wunder?
Eine Definition: Als Wunder bezeichnen wir ein Ereignis, das Staunen hervorruft, das unerwartet und unberechenbar auf den Menschen zukommt. Es ist für den Menschen nicht machbar. Wunder sind solche Ereignisse in Raum und Zeit, die außerhalb des Rahmens unserer Naturgesetze ablaufen.
Wunder kommen nicht nur im Neuen Testament, sondern bereits im Alten Testament vor. Im Hebräischen, der hauptsächlichen Sprache des Alten Testaments, gibt es mehrere Begriffe für das Wort „Wunder“. Ein Wort ist "miflaah" und kommt nur in Hiob 37,16 vor:
„Erkennst du das Schweben der Wolke, die Wunderwerke dessen, der an Erkenntnis vollkommen ist?“

Dies sagt Elihu, einer der vier Freunde Hiobs, zu ihm. Was interessant ist, dass Wunder getan werden. Es heißt nicht: "Das ist ein Wunder, dass Wolken schweben", sondern Elihu sagt, dass hier jemand handelt. Gott ist der Handelnde. Wunder sind keine Phänomene, die sich "irgendwie ereignen", sondern sie sind das bewusste Handeln Gottes.

Das nächste Wort, das wir im Deutschen mit „Wunder“ übersetzen, ist "pälä". Im umfassenden Sinn bedeutet es: das wunderbare Wirken Gottes. Es kommt vom Verb "pala", was außergewöhnlich, ungewöhnlich, schwer begreiflich sein, rätselhaft sein, wunderbar sein, wunderbar machen oder in wundersamer Weise gegen jemanden verhalten heißen kann. Dieses Wort steht zum Beispiel in Psalm 77, 15:
„Du bist der einzige, der Wunder tut; an den Völkern hast du deine Macht bewiesen.“ Oder auch in Jesaja 25,1:
„HERR, du bist mein Gott! Dich will ich preisen und deinen Namen rühmen; denn du hast Wunder vollbracht, die du seit langem beschlossen hattest. Was du planst, das führst du auch aus; auf dich ist immer Verlass!“

Auch hier sind Wunder ein Handeln Gottes. Es ist ein geplantes Handeln Gottes. Er ist derjenige, der etwas tut, der eingreift. Wunder sind somit ein Eingreifen Gottes in das Weltgeschehen. Er verändert.

Ein weiteres Wort, das im Hebräischen in der Bedeutung „Wunder“ gebraucht wird, ist "mofet". Es kommt zum Beispiel vor in
2. Mose 11,9:
„Der HERR hatte zu Mose gesagt: Der Pharao wird nicht auf eure Forderungen hören, damit ich in Ägypten durch viele Wunder meine ganze Macht zeigen kann.“

Oder auch in 1. Chronik 16, 12:
„Erinnert euch an seine machtvollen Taten, an seine Wunder und Gerichtsurteile.“
Auch hier sind Wunder Eingreifen Gottes. Es sind nicht einfach Dinge, die „halt mal“ geschehen, sondern Gott macht sie ganz bewusst. Er handelt an uns.

Auch im neuen Testament stoßen wir auf den Begriff „Wunder“. Einmal als "téras" (=Wunderzeichen) und als "semeíon" (=Zeichen), das die geistige Bedeutung des Wunders hervorhebt. Semeion ist das Wort, das in unserem Bibeltext wurde. Weitere Beispiele finden wir in:
Joh. 4,48: Jesus sagte zu ihm: Ihr alle glaubt mir nur, wenn ihr Wunder und gewaltige Taten seht.
Apg. 2,43: Durch die Apostel geschahen viele staunenswerte Wundertaten, und alle in Jerusalem spürten, dass hier wirklich Gott am Werk war.
Apg. 6,8: In der Kraft, die Gott ihm schenkte, vollbrachte Stephanus große und staunenswerte Wundertaten.
Wir sehen: Bei den Wundern in der Bibel geht es immer um ein Handeln Gottes. Wunder sind keine Ereignisse, das zufällig passieren, sondern sie sind ein Eingreifen Gottes. Er macht etwas möglich, das nach menschlichen Maßstäben nicht funktionieren kann.

Was war das erste Wunder in der Bibel?

Für mich ist es die Erschaffung der Welt. Gott sprach und es geschah. Die Art und Weise der Erschaffung erstaunt mich immer wieder. Indem Gott ausspricht, was geschehen soll, geschieht es. Aber auch die Gestaltung der Welt ist für mich ein Wunder. Darin steckt sehr viel Weisheit, Macht, Kraft und Liebe. Diese Liebe gilt uns Menschen. Gott hat einen Ort für uns erschaffen, der bis ins Detail auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten war. Dieser Ort war das Paradies. Die Menschen mussten ihn allerdings aufgrund ihrer Sünde gegen Gott verlassen.

Dann passiert das zweite Wunder. Gott ist weiterhin an der Gemeinschaft mit uns Menschen interessiert. Er lässt sie nicht im Stich und entwickelt einen Erlösungsplan, damit jeder Mensch die Möglichkeit hat, Gemeinschaft mit Gott haben zu können. In Jesus wurde dieser Plan Realität. Erst vor ein paar Tagen haben wir uns bewusst an seine Geburt erinnert. Die Umstände seiner Geburt waren seiner Herkunft gewiss nicht angemessen. Und bereits kurz danach wurde ihm nach dem Leben getrachtet und seine Eltern mussten mit ihm fliehen. Doch Gott war immer mit ihm. Vater und Sohn waren eng miteinander verbunden. Jesus tat den Willen seines Vaters und durch seinen Tod erfüllte er den Erlösungsplan, den Gott uns Menschen zugesagt hatte. Er starb für uns, für unsere Vergehen, für unsere Sünde am Kreuz.

               Im Neuen Testament sehen wir, dass die Jünger sehr viele Wunder mit Jesus erleben. Sie genießen seine Gegenwart, seine Ausstrahlung, seine Autorität. Sie spüren, seine Worte haben Kraft, seine Worte sind nicht leer. Ihnen folgen Taten. Jesus ist authentisch. Er tut, was er sagt. Und: Es geschieht, was er sagt. Er ist somit verlässlich. Die Jünger merken, sie können ihm vertrauen. Sie spüren die Liebe, die er für sie hat. Jesus nimmt sie an, so wie sie sind. Er schenkt ihnen ein Gefühl von Geborgenheit.
               Jesus hat die Jünger berufen und  die Jünger haben sich von ihm berufen lassen. Vielleicht wären sie von sich aus nicht auf die Idee gekommen, ihm nachzufolgen. Wir wissen es nicht. Doch eines wissen wir: Sie haben ihr bisheriges Leben aufgegeben, um mit ihm zusammen sein zu können. Sie haben ihren Beruf, ihre Familien, ihre Freunde, ihr Zuhause zurückgelassen. In der Bibel wird nichts davon berichtet, dass sie sich eine Bedenkzeit erbeten oder sie irgendwelche Vorbereitungen getroffen haben. Es steht nichts davon, dass sie Bedingungen an Jesus gestellt haben. Sie haben nicht gesagt: Wir gehen nur mit, wenn du dies oder jenes für uns tust. Sie haben aber auch nicht gefragt: Jesus, was erwartest du von uns? Sie haben eine Entscheidung getroffen, die ihr komplettes Leben auf den Kopf gestellt hat. Was war die Grundlage dieser Entscheidung? Ich gehe davon aus, dass sie Gewissheit in ihrem Herzen hatten, dass sie diesen Weg mit Jesus einschlagen sollten. Sie waren sich sicher, dass das das Richtige war. Woher hatten sie diese Gewissheit? Ich bin überzeugt, dass Gott sie ihnen ins Herz gelegt hat.
Somit haben die Jünger ein Wunder in ihrem Leben erlebt, das ihnen vielleicht gar nicht so bewusst war. Gott hat ihr Herz bewegt – und sie haben es zugelassen. Hätten sie mit ihren Verwandten, Freunden oder Bekannten über ihre Entscheidung der Nachfolge Jesu gesprochen, die Jünger wären von ihnen bestimmt als verrückt bezeichnet worden. Manche hätten vielleicht sogar versucht, die Jünger in ihrem Vorhaben aufzuhalten.
Mit ihrer Entscheidung zur Nachfolge haben die Jünger in ihrem Leben einen Neuanfang gewagt. Wir wissen nicht, ob und welche Erwartungen sie an ihre Entscheidung geknüpft haben. Wir wissen nicht, welche Vorstellungen sie über ihr Leben mit Jesus hatten. Wir wissen nicht, ob sie bestimmte Ziele damit verfolgen wollten. Aber sie scheinen ihre Entscheidung nie in Frage gestellt zu haben. Während der drei gemeinsamen Jahre wird nichts davon berichtet, dass einer von ihnen Jesus verlassen wollte.
In diesen drei Jahren haben die Jünger sehr viel mit Jesus erlebt. Sie sind sehr viel gereist, sind den verschiedensten Menschen begegnet, haben seinen Lehren gelauscht, haben seine Weisheit bestaunt und die Wunder Jesu gesehen. Ihr Glaube nimmt zu. Sie fühlen sich stark und mutig – trotz der ablehnenden Haltung und Verfolgung durch die Pharisäer. Aber ihr Mut hat manchmal vielleicht eher etwas mit Übermut zu tun. Das können wir an der Situation beim letzten Abendmahl erkennen. Jesus teilt seinen Jüngern mit, dass er verraten werden wird, und zwar von jemand unter ihnen. Und was tun seine Jünger? Im ersten Moment befragen sie sich (Lk. 22,23), wer es wohl sei, aber im nächsten Bibelvers sehen wir, dass sie darüber in Streit gerieten, wer von ihnen für den Größten zu halten sei. Dadurch wird ihr Stolz und Egoismus deutlich. Ihre Sorge gilt nicht Jesus, sondern sie verstricken sich in ein Gerangel um Macht und Autorität. Es ist Petrus, der dieses Streitgespräch angezettelt hat. Er ist davon überzeugt, dass er der Größte unter den zwölf Jüngern ist. Die Grundlage für dieses Bewusstsein ist nicht Liebe sondern Stolz.

Jetzt können wir uns fragen, haben die Jünger in diesen drei Jahren denn nichts gelernt? Was ist aus dem Wunder ihrer Nachfolge übrig geblieben? Was ist mit all den Dingen geworden, die sie erlebt haben? Was ist aus ihrem Glauben geworden? Ihr Glaube wird nur wenige Stunden nach dem letzten Abendmahl erschüttert, als Jesus gefangengenommen wurde. Petrus, der sogar für Jesus sterben wollte, verleugnet ihn drei Mal – so wie es Jesus vorher gesagt hat. Und dann stirbt Jesus. Ich bin sicher, die Jünger waren zu diesem Zeitpunkt traurig, tief bestürzt und erschüttert. Vielleicht haben sie in diesem Moment gedacht: War alles umsonst? War die Zeit mit Jesus sinnlos? Haben wir die letzten drei Jahre vergeudet? Kurz nach ihrem Tod erleben sie allerdings Jesus. Er ist auferstanden und erscheint ihnen. Die Jünger freuen sich. Und Jesus sendet sie aus, wie er von seinem Vater ausgesandt worden ist. Aber was tun die Jünger? Anstatt den Auftrag Jesu zu befolgen, gehen sie ihr früheres Leben zurück (Joh. 21). Jesus muss sie erneut berufen und offenbart ihnen bis zu seiner Himmelfahrt die Schrift, damit sie verstehen können, warum er am Kreuz sterben musste.

Die Erschütterung ihres Glaubens hat also nicht dazu geführt, dass sich die Jünger von Gott abgewandt haben. Das Fundament des Glaubens hat Jesus in sie hineingelegt. Petrus bspw. erkennt in dieser Erschütterung, wie klein er doch ist, obwohl er sich doch zuvor für den Größten gehalten hat. Er demütigt sich vor Gott und empfängt seine Vergebung. Die Erschütterung seines Lebens hat nicht zur Folge, dass er sich von Gott abwendet. Sie hat zur Folge, dass er dadurch in seine Berufung kommen kann. Ohne diese Erschütterung hätte Petrus weiterhin aus eigener Kraft heraus sein Leben geführt. Nun ließ er sich von Gott führen.
Gott geht es nicht darum, dass wir von uns aus stark sind, dass wir von uns aus Selbstvertrauen haben und zuversichtlich sind. Gott geht es auch nicht um einen perfektionistischen Lebensstil. Gott möchte eines: Er möchte eine Beziehung zu uns. Aus dieser Beziehung heraus dürfen wir uns weiterentwickeln, uns verändern, Jesus ähnlicher werden.

Wo stehen wir?
Was ist mit dem Wunder unserer Berufung geworden? Haben die Wunder, die wir in unserem Leben erlebt haben, dazu geführt, dass unser Vertrauen zu Gott gewachsen ist? Erkennen wir die Wunder, die Gott in unserem Leben wirkt? Welche Ziele verfolgen wir? Sind es unsere eigenen oder ist uns bewusst, was Gott uns in unser Herz legen will? Jesus sagt in Joh. 14,12 zu seinen Jüngern:
Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer an mich glaubt, der wird auch die Werke tun, die ich tue, und wird größere als diese tun, weil ich zum Vater gehe.
Glauben wir das? Glauben wir, dass Gott uns gebrauchen kann und wird?
Viele Menschen nutzen den ersten Januar jedes Jahr aufs Neue, um sich Ziele zu setzen, einen Neuanfang in ihrem Leben zu wagen. Sie treffen gute Vorsätze, nehmen sich viel vor. Sie versuchen aus eigener Kraft, ihr Leben neu in die Hand zu nehmen, ihrem Leben eine neue Wendung zu geben, ihr Leben zu verändern. Ihnen scheint nicht bewusst zu sein, dass Gott ihnen dies schenken will:    
2. Kor. 5,17: Daher, wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

Genau dies dürfen wir jeden Tag aufs Neue in Anspruch nehmen. Wir müssen nicht auf den ersten Januar warten, um unser Leben zu verändern. Wir können uns jeden Tag neu dafür entscheiden, uns von Gott verändern zu lassen. Und: Lassen wir uns doch neu von ihm berufen.


Zum Abschluss möchte ich euch aus „Der kleine Prinz - Interview mit Gott“ von Edgar Allan Poe (1809 - 1849) vorlesen:
Ich träumte, ich hätte ein Interview mit Gott:

"Du möchtest also ein Gespräch mit mir?" fragte Gott.
"Wenn du Zeit hast!", sagte ich.
Gott lächelte: "Meine Zeit ist die Ewigkeit. Welche Frage würdest du mir gerne stellen?"
"Was erstaunt dich am meisten an den Menschen?"
Gott antwortete:
"Dass sie der Kindheit überdrüssig werden und sich dann danach sehnen, wieder Kind sein zu können.
Dass sie, um Geld zu verdienen, ihre Gesundheit aufs Spiel setzen und dann ihr Geld dafür ausgeben, wieder gesund zu werden.
Dass sie durch ängstliche Blicke in ihre Zukunft das Jetzt vergessen, so dass sie weder in der Gegenwart, noch in der Zukunft leben.
Dass sie leben, als würden sie niemals sterben, um dann zu sterben, als hätten sie nie gelebt."

Gott nahm meine Hand und wir schwiegen gemeinsam eine Weile.
Dann wollte ich wissen: "Was möchtest du, dass deine Kinder lernen?"
Gott antwortete mit einem Lächeln:

„Dass man niemanden veranlassen kann, jemanden zu lieben, sondern zulassen darf, geliebt zu werden.
Dass es nicht förderlich ist, sich mit anderen zu vergleichen.
Dass eine reiche Person nicht jemand ist, der das meiste hat, sondern vielleicht das wenigste braucht.
Dass es nur einige Sekunden braucht, einem Menschen tiefe Wunden zuzufügen, jedoch viele Jahre, diese wieder zu heilen.
Dass Vergebung durch gelebtes Vergeben geschieht.
Dass zwei Menschen dasselbe betrachten können und es unterschiedlich sehen. Dass es manchmal nicht genug ist, Vergebung zu erhalten, sondern sich selbst zu vergeben.
Und dass ich hier bin, immer.“
Wer am Tag träumt, wird sich vieler Dinge bewusst, die dem entgehen, der nur nachts träumt...



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