Benjamin 27.10.2017

Benjamin 27.10.2017

Heute kommen wir zum Jüngsten, dem Nesthäkchen der Familie. Die Geschichte Benjamins ist faszinierend und auf den ersten Blick verwirrend. Was hat es mit ihm auf sich? Und was ist seine Aufgabe in der Familie Israel?

Doch fangen wir langsam und am besten vorne an:

Benjamin ist der letzte Sohn Jakobs. Seine Mutter war – so berichtet es uns die Bibel – die Lieblingsfrau Jakobs, Rahel.

Das Leben Benjamins startete mit einem Schicksalserlebnis der Familie: Rahel starb bei der Geburt.

Auf dem Sterbebett gab sie ihrem Sohn den Namen „Ben-Oni“ (Sohn meiner Not). Doch Jakob änderte ihn zu „Benjamin“, was so viel heißt wie „Sohn meiner Rechten“. Jakob sollte also die „rechte Hand“ Jakobs werden.

1.Mo 35,18: Und es geschah, als ihr die Seele entschwand, weil sie am Sterben war, da gab sie ihm den Namen Benoni; sein Vater aber nannte ihn Benjamin.

Im Laufe dieses Kursteils werden wir sehen, wie sich dies äußerte.

Wir finden interessante Unterschiede zwischen Benjamin und den restlichen Brüdern:

Benjamin ist der einzige, der im Gebiet des späteren Israels geboren wurde.

Benjamin ist der einzige der Brüder, der beim Verkauf Josephs in die Sklaverei nicht mitwirkte.

Benjamin ist der einzige der Söhne, der seinen Vater über den „Tod“ Josephs trösten konnte (Joseph war nicht tot, er wurde in die Sklaverei verkauft, ohne dass es Jakob wusste).

Für Jakob war Benjamin sozusagen der Ersatz für Joseph. Beide waren sie Söhne von Rahel und so ließ er ihn so wenig wie möglich von seiner Seite weichen.

Als die übrigen Brüder in der Hungersnot nach Ägypten reisten, um Nahrung zu kaufen, blieb Benjamin zu Hause. Zumindest bei der ersten Reise. Beim zweiten Mal nahmen sie ihn mit, weil der ägyptische Herrscher (Joseph) dies forderte.

In Ägypten dann steht Benjamin schon wieder im Mittelpunkt: Bei ihm wird der goldene Becher des ägyptischen Herrschers versteckt und später gefunden. Er soll nun als Gefangener in Ägypten bleiben, doch sein Bruder Juda springt für ihn die Bresche und will stellvertretend bleiben. Erst dann löst Joseph das Versteckspiel auf.

Später in der Wüstenwanderung sehen wir, wie Benjamin zusammen mit den Stämmen Ephraim und Manasse (Ephraim und Manasse waren die Söhne Joseph und damit die Neffen von Benjamin) ein Lager bildet (siehe Grafik). Man sieht hieran ihre Verbundenheit (nur sie stammten von Rahel ab).

Im Gelobten Land angekommen erhält Benjamin dann Land, das zwischen Ephraim und Juda liegt.

Jos 18,11: Und das Los fiel für den Stamm der Söhne Benjamins nach ihren Geschlechtern; und das Gebiet, das ihnen durchs Los zufiel, kam zwischen die Söhne Judas und die Söhne Josephs zu liegen.

Insbesondere enthielt ihr Stammesgebiet Jerusalem, auch wenn sie die Stadt nicht eroberten:

Ri 1,21: Aber die Söhne Benjamins vertrieben die Jebusiter nicht, die in Jerusalem wohnten; sondern die Jebusiter wohnten bei den Söhnen Benjamins in Jerusalem bis zu diesem Tag.

Das Buch der Richter hat übrigens sehr viel mit dem Stamm Benjamin zu tun. Zunächst einmal damit, dass der erste Richter von dem uns berichtet wird Ehud, ein Benjaminiter, war. Auch die letzte Begebenheit in diesem Buch handelt primär von den Benjaminitern: In einem großen israelischen Krieg ziehen alle (!) Stämme Israels gemeinsam gegen den Stamm Benjamin.

Dabei wird Benjamin beinahe ausgerottet. Nur 600 Männer bleiben am Leben. Sie erhalten 600 Frauen von den anderen Stämmen, damit sie überhaupt überleben können.

Weiter geht die Geschichte Israels mit der Zeit der Könige. Und auch hier begegnen wir einem Benjaminiter, einem der bekanntesten: König Saul, der erste König über Israel.

Auch sein Sohn Ischboseth sitzt Jahre später auf dem Thron. Wenn auch nur über wenige Jahre und nur über 11 der 12 Stämme (über Juda herrscht in dieser Zeit schon König David).

Als David König über ganz Israel wird, schließen sich die Benjaminiter zunächst etwas verhalten an, doch später als das Reich Israel geteilt wird (unter Davids Enkel Rehabeam), ist es der Stamm Benjamin, der als einziger die Rebellion der übrigen Stämme nicht mitmacht und dem König die Treue hält.

Noch während der Regierung Davids gibt es einen Mann namens Simei – ein Mann vom Stamm Benjamin. Dieser verflucht und lästert König David, als jener von seinem Sohn Absalom verfolgt wird. Sicherlich würde eine solche Tat reichen, um zum Tod verurteilt zu werden. Doch König David lässt ihm am Leben.

Und das war wohl eine gute Entscheidung, denn einer von Simeis Nachkommen ist ein Mann namens Mordechai. Er und seine Nichte Esther (beide sind logischerweise vom Stamm Benjamin!) ordnen sich dem König von Persien unter und retten somit dem gesamten Jüdischen Volk (und damit auch den Benjaminitern) das Leben.

Est 2,5: Es war aber ein jüdischer Mann in der Burg Susan, der hieß Mordechai, ein Sohn Jairs, des Sohnes Simeis, des Sohnes des Kis, welcher ein Benjaminiter war.

Und schließlich begegnen wir im Neuen Testament einem weiteren berühmten Benjaminiter: Paulus, der Apostel der Heiden.

Benjamin und eine Mission

Es ist erstaunlich, dass wir so viel über diesen Stamm erfahren. Und uns beschäftigt weiterhin die Frage, was die Aufgabe Benjamins in der Familie Israel ist.

Wie passen all diese Ereignisse zusammen?

Die Antwort ist: Benjamin ist der Kleber – derjenige, der die Familie zusammenhalten soll. Auch wenn man es auf den ersten Blick nicht unbedingt sieht, doch Benjamin ist auf die Einheit von Israel bedacht. Und das, ohne dass er leitet oder eine große Autorität aufzuweisen hat. Er ist der Jüngste, hat aber eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe zugeteilt bekommen.

Schauen wir uns die biblischen Berichte an, um zu sehen, wie Benjamin dieser Aufgabe nachgekommen ist:

1. Benjamin in Ägypten

Starten wir in Ägypten. 10 Söhne verkaufen ihren eigenen Bruder (Joseph). Wenige Familiengeschichten könnten tragischer sein.

Doch letztendlich ist es ihr Bruder Benjamin, der die Einheit wiederherstellt. Joseph weiß das und lässt ihn mit nach Ägypten bringen.

Als dann nämlich die Rückkehr Benjamins – und damit das Leben ihres Vaters (er würde vor Kummer sterben) – in Gefahr ist, setzen sie sich die übrigen Brüder für diesen ein und Juda ist bereit, sein Leben für ihn zu geben. Also das komplette Gegenteil zum Vorgehen mit Joseph. Die Brüder sind nicht mehr neidisch auf die Söhne Rahels.

Stattdessen haben sie gelernt und sich gedemütigt. Benjamin spielt dabei eine entscheidende Rolle – auch wenn er keinen aktiven Part hat. Doch damit wird der Familienfrieden wiederhergestellt.

2. Benjamin und das Heiligtum

Benjamin erhält Jerusalem als Erbteil. Genaugenommen wird Jerusalem zwischen Benjamin und Juda geteilt (da sind sich Ausleger und Überlieferungen einig). Und das Besondere dabei ist, dass das Heiligtum, der Tempel, im Gebiet von Benjamin ist.

Das ist für unseren Blick auf Benjamin hoch-interessant. Denn wofür ist der Tempel auch da? Was bewirkt er?

Einheit im Volk Israel!

Dreimal im Jahr soll das Volk hier zusammenkommen, um Gott anzubeten. Jerobeam wusste schon, warum er den zehn Stämmen verbot, weiterhin dorthin zu reisen (dazu gleich mehr).

Auf jeden Fall ist es kein Zufall, dass Benjamin dieses heilige Fleckchen Land erhält. Er soll die Einheit Israels bewirken!

Mose prophezeite übrigens, dass das Heiligtum mal in Benjamins Land wohnen wird:

5.Mo 33,12: Von Benjamin sprach er: »Der Liebling des Herrn wird sicher bei Ihm wohnen; Er beschirmt ihn den ganzen Tag, und zwischen seinen Schultern wohnt er.«

3. Benjamin und die Richter

Ehud ist der erste Richter Israels (zumindest nach der Chronologie der Erzählung in diesem Buch). Doch das Besondere an ihm ist noch etwas anderes: Unter ihm kämpften die Stämme Israels gemeinsam!

Denn das große Problem zur Zeit der Richter war in Israel nicht nur der immer wiederkehrende Götzendienst des Volkes („jeder tat, was recht war in seinen Augen“), sondern auch die immer schlechter werdende Einheit Israels!

Josua hinterließ Israel als ein einheitliches Volk auf einem hohen geistlichen Level. Doch als diese Generation ausgestorben war, änderte sich dies.

Schon bei der zweiten Richterin, Debora, kommt sehr stark die fehlende Einheit heraus. Debora kritisiert dies deutlich:

Ri 5,14-17: Von Ephraim zogen herab, deren Wurzel gegen Amalek ist; hinter dir her Benjamin inmitten deiner Volksstämme; von Machir kamen Befehlshaber, und von Sebulon, die den Zählstab handhabten. Auch die Fürsten von Issaschar hielten es mit Debora; und Issaschar wurde wie Barak; ins Tal folgte er ihm auf dem Fuß. An den Bächen Rubens gab es schwere Herzensentschlüsse. Warum bist du zwischen den Hürden geblieben, um das Flötenspiel bei der Herde zu hören? An den Bächen Rubens gab es schwere Herzenserwägungen. Gilead verblieb jenseits des Jordan; und Dan, warum hielt er sich bei den Schiffen auf? Asser saß am Ufer des Meeres und verblieb an seinen Buchten.

Bei den folgenden Richtern wird zwar nicht immer berichtet, welche Stämme mit in die Kriege zogen, doch wenn davon berichtet ist, sind nie alle Stämme anwesend.

Zudem kommt es zu Auseinandersetzungen und sogar zum Krieg innerhalb Israels (z.B. Manasse gegen Ephraim, vgl. Ri 12).

4. Der leidende und königliche Benjamin

Das Buch der Richter endet mit einer sehr irritierenden und ungewöhnlichen Geschichte. Elf Stämme bekämpfen einen anderen. Benjamin wird beinahe vollständig aufgerieben und seine Stammesidentität überlebt nur knapp.

Dennoch hat diese Begebenheit einen interessanten Nebeneffekt – so tragisch die Umstände auch sind: Das Volk vereint sich wieder (bis auf Benjamin)!

Benjamin schafft es also, zumindest unter den übrigen Stämmen Einheit herzustellen. Diese Aufopferung klingt sehr makaber, aber es lässt sich nicht bestreiten, dass dies tatsächlich passiert.

Und als Benjamin dann so dezimiert ist, haben die anderen Stämme Mitleid mit diesem. Sie versorgen ihn mit Frauen und nehmen ihn sozusagen wieder mit in die Gemeinschaft Israels auf.

Wie gesagt, ist das ein sehr bizarre Art und Weise, Einheit entstehen zu lassen – Benjamin hat es sicherlich nicht so geplant. Und doch ist es interessant, dass durch Benjamin Einheit entsteht.

Übrigens sehen wir hier, dass Benjamin von ausgesprochener Stärke ist. Die anderen Stämme haben ihre große Mühe, Benjamin zu besiegen. Und das, obwohl sie im Verhältnis 15:1 in Überzahl sind.

Die Erfüllung der Prophetie Jakobs ist nirgendwo besser zu sehen als in dieser Situation.

1.Mo 49,27: Benjamin ist ein reißender Wolf; am Morgen verzehrt er Raub, und bis zum Abend verteilt er Beute.

Benjamin hat eine schwierige Aufgabe erhalten. Und für diese wurden sie mit einer großen Portion Mut und Kraft ausgestattet.

Das i-Tüpfelchen dieser Begebenheit folgt kurz nach dem Bericht aus dem letzten Kapitel der Richter. Denn der Stamm Benjamin enthält in den folgenden Jahren eine außergewöhnliche Ehre: Er darf den ersten König über Israel stellen!

1.Sam 9,21: Da antwortete Saul und sprach: Bin ich nicht ein Benjaminiter, von einem der kleinsten Stämme Israels, und ist mein Geschlecht nicht das geringste unter allen Geschlechtern der Stämme Benjamins? Warum sagst du mir denn solche Worte?

Wahrscheinlich gönnten es Benjamin alle anderen Stämme von ganzem Herzen – nach den Erlebnissen wenige Jahre zuvor. Vielleicht war es auch eine Art Entschädigung!?

Doch wieder erkennen wir den roten Faden: Ein Benjaminiter – König Saul – vereinigt das Volk (alle Stämme akzeptieren ihn als König)!

5. Benjamin und der König

Als der neue Stern David zu leuchten beginnt (er war vom Stamm Juda), akzeptiert zunächst nur der Stamm Juda seine Herrschaft. Benjamin ist hin- und hergerissen. Auf der einen Seite sitzt ihr eigener Mann noch auf dem Thron (Saul, später Ischboseth), doch die Hand Gottes hinter David ist offensichtlich.

Aus diesem Grund sind es viele Benjaminiter, die den Weg zu David finden. Warum? Sie geben den übrigen Stämmen den Weg vor, wie es wieder zur Einheit kommen kann.

1.Chr 12, 1-2: Und das sind die, welche zu David nach Ziklag kamen, als er sich noch vor Saul, dem Sohn des Kis, verbergen mußte; sie waren auch unter den Helden, die ihm im Kampf halfen. Sie waren bewaffnet mit Bogen und geübt, mit der Rechten und mit der Linken Steine zu schleudern, auch mit dem Bogen Pfeile zu schießen; sie waren von den Brüdern Sauls, aus Benjamin.

1.Chr 12,17: Es kamen auch einige von den Söhnen Benjamins und Judas auf die Bergfeste zu David.

1.Chr 12,30: Von den Söhnen Benjamins, den Brüdern Sauls: 3 000; denn bis zu dieser Zeit hielten viele von ihnen es noch mit dem Haus Sauls.

6. Benjamin und die zwei Häuser

Unter den Königen David und Salomo erlebt Israel seine Blütezeit: Dem Volk geht es gut. Alle Kriege gehen gewonnen. Schon bald herrscht Frieden und Wohlstand. Israel wird zu einer Weltmacht. Und der geistliche Zustand ist auf einem hohen Level.

Doch nach diesen Jahrzehnten verändert sich das. Unter Rehabeam, dem Sohn Salomos, teilt sich das Land in zwei Reiche: Nord- und Südreich. Im Norden übernimmt Ephraim die Führung, im Süden bleibt Juda Herrscher.

Und für Benjamin stellt sich dir Frage: Was tun?

Es ist kein Zufall, dass das Gebiet von Benjamin exakt zwischen Ephraim und Juda liegt. Benjamin ist der Kleber, der gerade diese beiden Stämme – und damit die beiden Häuser – zusammenhalten soll. Doch in dieser Situation ist das unmöglich.

Sie fühlen sich stark zu Ephraim (und Manasse) hingezogen. Schließlich sind sie am engsten verwandt, haben in Rahel die gleiche Mutter (bzw. Großmutter). Sicherlich ist es kein Zufall, dass Rahel im Gebiet von Benjamin begraben liegt:

1.Sam 10,2: Wenn du heute von mir weggehst, wirst du zwei Männer finden beim Grab Rahels, im Gebiet von Benjamin, bei Zelzach…

Doch der Stamm Benjamin, dessen Auftrag die Einheit Israels ist, macht die Rebellion der zehn Stämme nicht mit. Er ordnet sich weiterhin Juda und dem König unter. Was sonst soll er tun? Ist es nicht weise, mit gutem Beispiel voran zu gehen?

Schließlich geht es um eine von Gott eingesetzte Autorität. Mit dem gleichen Beispiel (Unterordnung unter den eingesetzten König) gehen Jahre später auch Mordechai und Esther an ihre Herausforderung ran. Zwei Benjaminiter die das Überleben der Juden sichern.

Die Stämme im Norden hören auf, zu den Festen nach Jerusalem zu reisen (zumindest der Großteil). Der Tempel im Gebiet von Benjamin sollte zur Einheit beitragen. Doch daran sind die zehn Stämme nicht mehr interessiert. Sie hören sie auf, diesen zu besuchen, weil ihr neuer König neue heilige Orte bestimmt (Dan und Bet El).

1.Kö 12,28-29: Darum hielt der König Rat und machte zwei goldene Kälber und sprach zu [dem Volk]: Es ist zu viel für euch, nach Jerusalem hinaufzuziehen! Siehe, das sind deine Götter, Israel, die dich aus dem Land Ägypten herausgeführt haben! Und er stellte das eine in Bethel auf, und das andere setzte er nach Dan.

7. Benjamin und der große Auftrag

Paulus ist einer der wenigen Personen im Neuen Testament, von dem wir wissen, dass er nicht vom Stamm Juda ist. Nachdem Paulus Yeshua erkannt hat und sich mit Petrus auf ihre verschiedenen Aufträge geeinigt hat, kristallisiert sich seine Mission heraus: Apostel der Heiden.

Doch es geht nicht um irgendwelche Heiden. Es geht um die zehn verlorenen Stämme des Hauses Israels.

Benjamin ist bei Juda geblieben. Das wurde ihnen zum Segen. Und dann konnten sie – nachdem Yeshua die Tür geöffnet hat – ihren riesigen Auftrag wieder aufnehmen: Die Einheit der Familie Israels.

Und diese kann dann entstehen, wenn die zehn Stämme wieder zurück in den Bund mit Gott kommen. Paulus wusste das und so wurde es sein Herzensanliegen, dem er sich Leib und Seele hingegeben hat.

Viele Hindernisse. Hohe Kosten. Viel Leid… Benjamin. Ein Stamm mit einer herausfordernden, aber wichtigen Aufgabe: Die Wiederherstellung Israels!