Dankbarkeit

Wenn wir im Wörterbuch nachsehen, können wir unter Dankbarkeit folgendes lesen:

Dankbarkeit besteht dann, wenn wir uns jemanden zu Dank verpflichtet fühlen, der uns Gutes getan hat. Um Dankbarkeit empfinden zu können, müssen wir also zuerst wahrnehmen, dass uns jemand Gutes getan hat. Hinzu kommt, dass wir erkennen, dass das Gute keine Selbstverständlichkeit ist.

Die Bibel fordert uns immer wieder auf, Gott gegenüber dankbar zu sein. Besonders Paulus spricht sehr viel über Dankbarkeit in seinen Briefen. Einerseits ist er für Menschen, andererseits für Situationen dankbar, obwohl diese aus menschlicher Perspektive oft schwierig sind. Aber egal ob Paulus gesteinigt wird, in Gefangenschaft gerät, Schiffbruch erleidet, er ist dankbar. Er jammert nicht und beklagt sich nicht. Und weil er nicht nur von Dankbarkeit redet, sondern auch danach handelt, ist er für uns ein Vorbild. Deshalb steht es ihm auch zu, uns aufzufordern, in allem Dank zu sagen (1. Thess. 5,18). Wenn in dieser Bibelstelle „in allem“ steht, ist auch gemeint, dass wir in allen Situationen dankbar sind.

In den positiven Situationen unseres Lebens ist es eigentlich einfach, Gott unsere Dankbarkeit zu zeigen. Aber oft erkennen wir nicht einmal die guten Dinge, die uns im Laufe des Tages begegnen. Uns fallen aber umso mehr die negativen Dinge auf, die wir in unseren Alltag erleben und ärgern uns darüber. Uns geht es dann wie einem Mann, der unbedingt sein Haus verkaufen will, weil er sich nicht mehr darin wohl fühlt. Er beauftragt einen Makler, den Verkauf zu übernehmen. Als der Mann dann aber die Annonce des Maklers für sein Haus liest, wird ihm bewusst: Ich wollte schon immer solch ein Haus haben, wie es hier beschrieben wird. Er beschließt daraufhin, das Haus zu behalten. Wenn wir jetzt schon vergessen, in den positiven Dingen dankbar zu sein, wie sieht es dann in Situationen aus, die uns belasten, uns traurig stimmen und uns Sorge bereiten? Können wir da dankbar sein? Verlangt da Gott nicht etwas Unmögliches von uns?

Ich möchte euch aufzeigen, dass Dankbarkeit ein Lebensstil ist, den wir erlernen können. Wir können Situationen aus verschiedenen Perspektiven betrachten und dementsprechend bewerten. Nehmen wir ein Glas, das zur Hälfte mit Wasser gefüllt ist. Der eine sagt, das Glas ist halb voll, der andere behauptet, das Glas ist halb leer. Beide haben Recht, aber ihre jeweilige Antwort spiegelt ihre Lebenseinstellung wieder. Oder betrachten wir eine Urlaubssituation. Der eine sagt, in vier Tagen ist mein Urlaub zu Ende und ich muss wieder zur Arbeit. Der andere sagt, ich habe noch vier Urlaubstage vor mir, erst dann beginnt der Arbeitsalltag wieder. Auch hier sagen beide inhaltlich dasselbe, aber auch hier liegt der Unterschied in der Haltung, die in der Aussage mitschwingt. Der eine ist eher negativ eingestellt, der andere positiv.

Aber wie können wir das erlernen? Ein Lebensstil der Dankbarkeit kann eingeübt werden. Nehmt euch zu einem bestimmten Zeitpunkt am Tag vor, eine Zeit des Dankens einzulegen und überlegt euch, wofür ihr an diesem Tag danken könnt. Im Bitten bin ich schnell, weil ich meine Bedürfnisse kenne, aber zum Danken brauche ich Zeit, weil ich Situationen, die tagsüber passieren, schnell wieder vergesse. Also heißt es auch für mich, nachzudenken. Manchmal habe ich den Eindruck, es ist ja nichts passiert, für das ich dankbar sein kann, dann fange ich mit ganz einfachen Dingen zu danken an. Das Interessante ist, dass man Dinge bewusster erlebt und dankbarer sein kann, wenn man das einige Tage macht. Wichtig ist zudem, uns Gottes Perspektive anzueignen, uns bewusst zu werden, was er will, wie ich mit Menschen und Situationen umgehe.

Aber wie sieht es mit schwierigen Menschen aus? Können wir dankbar für sie sein? Können wir dankbar für sie sein, wenn sie uns Ärger bereiten, uns beschimpfen, uns verletzen und so weiter? Gott sagt, wir sollen segnen, die uns fluchen. Ich denke, ein Fluch ist geistlich gesehen das Schlimmste, was uns geschehen kann. Reden wir negativ über andere, was mir in emotionsgeladenen Situationen auch noch passiert, sind wir für den anderen kein Segen. Aber wenn uns unser Handeln bewusst wird, können wir vor Gottes Thron kommen, uns unseren Ärger bei ihm von der Seele reden, uns von ihm Frieden schenken lassen und Gott bitten, den anderen zu segnen – und irgendwann können wir Gott gegenüber für den anderen dankbar sein. Ich hatte einmal einen Vorgesetzten, der seine Freude daran hatte, sich groß zu machen, indem er andere und auch mich klein machte. Ich habe die Zusammenarbeit nur ausgehalten, weil ich immer wieder um Liebe für ihn bat und diese auch erhalten habe. Nur durch die Liebe Gottes war ich in der Lage, die Demütigungen dieses Mannes zu ertragen. Das Wichtige ist, dass wir uns nicht entmutigen lassen, wenn wir im negativen Reden einen Rückfall erleiden. Ich bin ehrlich, ich habe dennoch oft über diesen Vorgesetzten geschimpft, aber im Zwiegespräch mit Gott bekam ich Ruhe und Frieden.

Nun gibt es Situationen, die sehr tragisch sein können. Nehmen wir den Amoklauf in Winnenden? Können wir da dankbar sein? Ich denke, da sind wir erst einmal fassungslos. Was sagen wir Menschen, die in einer solchen Situation ihr Kind verloren haben? In der Seelsorge scheint es mir nicht angebracht, Betroffenen zu sagen, seid dankbar. Vor Jahren verlor eine Freundin von mir ihr Kind bei einem Zugunglück. Ich durfte erleben, dass sie von Gott in dieser Zeit hindurchgetragen wurde. Sie war nicht bitter. Ihr Herz wurde nicht hart. Sie war nicht depressiv. Sie war geborgen in der Hand Gottes. Ich habe mir überlegt, was wäre, wenn mein Kind umgekommen wäre. Wie würde ich reagieren? Ich weiß es nicht! Ich würde vermutlich dieselbe Trauer und Fassungslosigkeit durchleben wie jeder andere auch. Vielleicht würde ich sogar eine depressive Phase durchmachen. In dieser Situation würde in mir ein Kampf stattfinden, in dem es um mein Vertrauen zu Gott gehen würde. Aber ich hoffe, dass mich die Gebete meiner Geschwister durchtragen und ich meinen Blick wieder auf Gott richten kann so wie es meiner Freundin gelungen ist. Aber eins wird mir in solchen Situationen immer wieder bewusst, es ist keine Selbstverständlichkeit, eine Tochter zu haben. Sie ist ein Geschenk von Gott für uns als Eltern. Er hat sie uns anvertraut, und wir haben die Verantwortung für sie übernommen. Aber letztlich gehört sie nicht uns, letztlich ist sie Gottes Kind und er bestimmt ihre Zeit, wie er auch die meine bestimmt. Ich darf dankbar sein, für die schönen Momente, die ich mit ihr erleben darf.

Es gibt einen weiteren Bereich, für den wir dankbar sein können. Wir dürfen dankbar sein für Gottes Wort. Gottes Wort enthält sehr viele Verheißungen, die wir in Anspruch nehmen können. Es geht nicht nur allein darum, Gottes Wort zu kennen, sondern darum, es zu leben und uns dadurch verändern zu lassen. Veränderung beginnt dabei meist bei unserer eigenen Einstellung zu Situationen und zu Menschen, denen wir begegnen. Die Haltung des Gottvertrauens ist dabei nicht lächerlich und naiv, wie manche Menschen meinen, die uns Christen deshalb belächeln, sondern die einzige wahrhafte Antwort auf problematische Situationen. Allein dies ist schon Grund, Gott gegenüber dankbar zu sein. Diese Dankbarkeit beruht auf dem Wissen, dass Gott uns beisteht und uns durchträgt.

Zum Schluss möchte ich uns ermutigen, den Lebensstil der Dankbarkeit einzuüben. Dieser Lebensstil ruft Segen und Freude im eigenen Leben hervor und das Danken verhindert das Wanken. Zudem geben wir dadurch Gott die Ehre.