Das Schweigen Gottes

31.03.2019

Wir leben im Digitalzeitalter und können uns Wissen scheinbar ohne Ende aneignen. Die Antworten, die wir suchen, sind oft nur einen Mausklick weit entfernt. Doch es gibt Fragen, auf die nur einer eine Antwort geben kann. Und das ist der Gott der Bibel. Er kennt auf alle unsere Fragen eine Antwort. Doch was tun wir, wenn Gott schweigt, obwohl wir dringend eine Antwort von ihm brauchen?

 

Woody Allen sagte einmal humorvoll: „Gott schweigt - wenn wir jetzt bloß noch die Menschen dazu bewegen könnten, die Klappe zu halten.“ Und der polnische Lyriker Stanislew Lerzy hat über die Bibel geschrieben: „Im Anfang war das Wort - dann kam das Schweigen.“ Und Jean-Paul Sartre äußerte: „Gott ist tot, er sprach zu uns, und nun schweigt er. Wir berühren nur noch seinen Leichnam.“

 

Aus diesen Aussagen kann ich nur eines schließen: Woody Allen, Stanislew Lerzy und Jean-Paul Sartre kannten bzw. kennen Gott nicht. Denn wenn sie das Reden Gottes in ihrem Leben erfahren hätten, würden sie solche Aussagen nicht treffen. Für einen Menschen, der das Reden Gottes in seinem Leben erfahren hat, ist das Schweigen Gottes schmerzlich. Das Schweigen Gottes auszuhalten, gehört zu den schwierigsten Erfahrungen des Glaubens. Mit dem Schweigen geht oft einher, dass das Wort Gottes unser Herz nicht mehr erreicht, dass wir Gottes Stimme nicht mehr verstehen, dass wir auch nicht mehr den Trost Gottes erleben, dass Gebetserhörungen ausbleiben, dass wir anstelle der Nähe Gottes den Eindruck haben, Gott habe sich zurückgezogen. Gott redet einfach nicht mehr.

 

Was erleben wir stattdessen, wenn Gott schweigt? Es wird dunkel und kalt um uns. Angst, Unsicherheit und Einsamkeit umgibt uns. In den Psalmen erleben wir viele Situationen, in denen der Schreiber das Schweigen Gottes erlebt.

 

Ps. 28,1 Wenn ich rufe zu dir, HERR, mein Fels, so schweige mir nicht, dass ich nicht, wenn du schweigst, gleich werde denen, die in die Grube fahren.

 

Ps. 35,22 Du hast es gesehen, HERR; schweige nicht! Herr, sei nicht fern von mir!

 

Ps. 39,13 Höre mein Gebet, HERR, und vernimm mein Schreien; schweige nicht zu meinen Tränen! Denn ein Fremdling bin ich bei dir, ein Beisasse wie alle meine Väter.

 

Ps. 83,2 Gott, schweige nicht! Verstumme nicht und sei nicht stille, Gott!

 

Wie reagieren wir auf das Schweigen Gottes?

 

1.    Klage:
Die Juden haben, als sie fern ihrer Heimat in Gefangenschaft waren, geklagt.

 

2.    Lob:
Manche bekennen und loben Gott trotz ihrer widrigen Umstände. Ps. 115:

 

2 Warum sollen die Völker sagen: Wo ist denn ihr Gott?

 

3 Unser Gott ist im Himmel; alles, was ihm wohlgefällt, tut er.

 

3.    Bitte: Sie klingeln in ihren Gebeten Sturm bei Gott. (Ps. 83,2)

 

4.    Buße und neue Hinwendung zu Gott ist eine weitere Antwort.

 

Wir reagieren wir auf das Reden Gottes? Was sollten wir reagieren? Wenn Gott zu uns spricht, sollten wir dankbar sein – auf der Stelle. Doch das ist einfacher gesagt als getan.

 

Welche Gründe kann es für das Schweigen Gottes geben?

 

1.    Wenn Gott schweigt, dann will er, dass wir reden.

 

Meist haben wir vermutlich eher das Problem, dass wir reden und Gott nicht zu Wort kommen lassen. Doch es kann auch sein, dass Gott will, dass wir reden. Wie oft schweigen wir, wenn uns etwas bewegt? Wie oft ziehen wir uns – auch vor Gott zurück -, wenn wir verärgert oder gekränkt sind oder wenn wir die Ereignisse unseres Lebens nicht einordnen können. Gott weiß, was uns beschäftigt, und er möchte dennoch, dass wir es ihm sagen. Er wartet und schweigt, damit wir zu Wort kommen können.

 

Wenn wir mit Gott über diese Dinge reden, hört er uns zu und beginnt, an und in uns zu arbeiten. Wie tut er das? Er schenkt uns bspw. Trost. Er verändert unsere Herzenseinstellung oder verändert unsere Lebensumstände. Wenn wir nicht mit ihm darüber reden, können wir uns dennoch sicher sein, dass er um unsere Situation weiß. Doch wie soll er uns helfen, wenn wir für seine Hilfe nicht offen sind?

 

2 Wenn Gott schweigt, will er, dass wir gehorchen.

Wenn Gott zu uns redet, möchte er uns zum Vorwärtsgehen ermutigen, doch sein Reden kann unsere Fortbewegung nicht ersetzen. Gott sagt in Ps. 119:

 

15 Gottes Wort gibt mir Licht, dass ich die nächsten Schritte tun kann.

 

Erst wenn ich im Gehorsam vorwärts gehe, werde ich den nächsten und übernächsten Schritt erkennen. Und nur dadurch geht es weiter. Wenn ich nichts tue, bleibe ich stehen.

 

Wenn Gott uns gezeigt hat, was wir tun sollen, stehen wir in der Gefahr, dass wir es nicht tun, weil wir das Wieso und Warum wissen wollen. Vielleicht treibt uns Unsicherheit und Angst um. Wir tun nichts, anstatt das Gehörte zu befolgen.

 

Wenn wir das Reden Gottes hören und nicht Folge leisten, stumpfen wir ab. Das Wort Gottes wird uns überdrüssig. Wir nehmen zwar die Worte zur Kenntnis, doch sie nehmen in unserem Leben keine Gestalt an. Wenn sie in uns keine Gestalt annehmen, haben die Worte Gottes unser Herz nicht erreicht. Doch wenn wir Gottes Wirken durch sein Wort zulassen, werden wir die Kraft dahinter erleben. Lk. 1:

 

37 Denn kein Wort, das von Gott kommt, wird kraftlos sein.

 

Und wenn wir diese Kraft erleben, wird unser Leben spannend. Wir dürfen voller Erwartung darauf schauen, was passiert, wenn wir die Schritte gehen, die uns Gott gezeigt hat. Und danach dürfen wir um ein Wort für die nächsten Schritte bitten. Doch wenn wir Ungehorsam sind, sollten wir uns nicht wundern, dass Gott nicht zu uns spricht. Letztlich stellt sich die Frage: Wollen wir nur das hören, was wir hören wollen, oder sind wir offen für das, was Gott sagen will.

 

3. Wenn wir meinen, dass Gott schweigt, heißt das, dass wir hinhören müssen.

 

1. Kön. 19:

 

11 Der Herr sprach: Geh heraus und tritt hin auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR ging vorüber. Und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach, kam vor dem HERRN her; der HERR aber war nicht im Winde. Nach dem Wind aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben.

 

12 Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein stilles, sanftes Sausen.

 

Wir sehen hier: Gott begegnet seinem Propheten Elia nicht in der Gewalt der Elemente. Er ist weder im Sturm, im Erdbeben, noch im Feuer. Gott verbirgt sich in einem „stillen, sanften Sausen“.

 

Wann können wir ein stilles, sanftes Sausen hören? Das ist nur möglich, wenn wir ruhig werden vor ihm, wenn wir uns nicht ablenken lassen von anderen Geräuschen. Die Stimme Gottes ist leicht zu überhören und kann leicht übertönt werden.

 

Wenn wir daher meinen, dass Gott schweigt, kann es sein, dass einfach zu viel Lärm um uns ist oder wir andere Prioritäten in unserem Leben gesetzt haben. Daher ist es wichtig, uns immer wieder neu ganz bewusst auf Gott zu besinnen und uns auf ihn zu konzentrieren. Was tun wir, wenn wir Gott dennoch nicht hören? Wir lesen dennoch sein Wort und werden still vor ihm. Wir werden Gott begegnen und er wird uns prägen, auch wenn wir es nicht bewusst wahrnehmen.

 

4. Wenn Gott schweigt, redet er laut – durch sein Schweigen.

 

Wie ist das zu verstehen? Röm. 1:

 

24 Darum hat Gott sie in den Begierden ihrer Herzen dahingegeben in die Unreinheit, sodass sie ihre Leiber selbst entehren.

 

26 Darum hat sie Gott dahingegeben in schändliche Leidenschaften; denn bei ihnen haben Frauen den natürlichen Verkehr vertauscht mit dem widernatürlichen;

 

28 Und wie sie es für nichts geachtet haben, Gott zu erkennen, hat sie Gott dahingegeben in verkehrten Sinn, sodass sie tun, was nicht recht ist,

 

Das bedeutet: Gott lässt den Menschen einfach das machen, was er machen will. Er überlässt ihn seiner eigenen Willkür. Martin Luther hat die Brisanz des Schweigens Gottes folgendermaßen erklärt: Kein größer Übel ist, denn dass ein Mensch tun darf, was er will, und Gott schweigt.

 

Das Schweigen Gottes ist somit eine harte Rede Gottes. Es ist ein Alarmzeichen. Wir können es mit einem blauen Brief oder der dritten Mahnung vergleichen. Wir spüren: Jetzt wird es ernst. Sein Schweigen will uns aufhorchen lassen und uns auffordern: Verändere dein Leben.

 

In dieser Situation brauchen wir Gottes Vergebung. Wir sollten Gott bitten, uns zu zeigen, wie er uns sieht und was zwischen ihm und uns steht. Wenn wir das wissen, können wir mit Gott darüber reden und ihn um Vergebung bitten. Nur Gott kann die Wand des Schweigens wieder durchbrechen und uns sagen: Eure Sünden sind euch vergeben.

 

5. Wenn Gott schweigt, können wir Ruhe bewahren.

 

Als die Jünger eines nachts über den See Genezareth rudern, geraten sie in einen lebensbedrohenden Sturm. Sie wissen nicht mehr aus noch ein. Jesus ist zwar dabei – aber er schläft. Verzweifelt und verunsichert wecken ihn seine Jünger auf. Sie haben den Eindruck, es sei Jesus gleichgültig, ob sie untergehen. Sie bitten ihn um Hilfe und Jesus spricht sie auf ihre Angst an und signalisiert ihnen, dass sie Vertrauen haben sollen. Die Jünger erleben, Jesus bewahrt trotz der lebensbedrohenden Situation Ruhe. Das dürfen wir auf unser Leben übertragen: Solange Gott die Ruhe bewahrt, dürfen wir es auch. Er hat unser Leben in seiner Hand. Wir dürfen ihm vertrauen. Wir brauchen keine Angst zu haben. Wir dürfen ruhig sein. Wenn Gott schweigt, dann dürfen auch wir schweigen. Wir müssen nicht denken, Gott interessiere sich nicht für uns oder er sei abwesend. Wir dürfen sein Schweigen als Einladung verstehen, ebenfalls still zu werden.

 

6.    Wenn Gott schweigt, brauchen wir den Rückhalt von Geschwistern.

 

Als Martin Luthers Tochter Magdalene mit 13 Jahren stirbt, setzt Luther sich hin und schreibt seinem Freund Jonas einen Brief, in dem er ihm all seine Gedanken und Schmerzen über den Verlust seiner geliebten Tochter anvertraut. Und dann bittet er seinen Freund, dass er für ihn und seine Frau stellvertretend glauben und beten soll. Jak. 5:

16 Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.

7.    Wenn Gott schweigt, liebt er uns trotzdem.

 

Wir dürfen Gott die Not unseres Herzens klagen. Und wenn uns sein Schweigen Not macht, dürfen wir auch darüber klagen. Jesus hat es vorgemacht. Am Kreuz fühlt sich Jesus von Gott allein gelassen. Das Licht Gottes, das ihn immer begleitet hat, ist verschwunden. Er spürt nur noch Finsternis um sich herum. In seiner Verzweiflung schreit Jesus die Worte aus Psalm 22,2 in diese Gottesfinsternis hinein (Mt. 27):

 

46 Und um die neunte Stunde schrie Jesus laut: Eli, Eli, lama asabtani? Das heißt: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

 

Wir dürfen in gleicher Weise beten. Und was tun wir, wenn wir – wie Jesus – keine Antwort auf unsere Frage bekommen, wenn wir – wie Jesus – keine Stimme vom Himmel mit uns reden hören? Dann dürfen wir wie Jesus vertrauensvoll beten (Lk. 23):

46 Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg fand man an der Wand eines Kellers, in dem sich einige Juden vor den Nazis versteckt hatten, folgende Aufschrift:

 

Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint

 

Ich glaube an die Liebe, auch wenn ich sie nicht spüre

 

Ich glaube an Gott, auch wenn er schweigt.

 

Darum geht es: Ich verlasse mich auf ihn, auch wenn ich nichts fühle und der Augenschein dagegenspricht.

 

Wenn jemand von euch derzeit das Schweigen Gottes erlebt, dem möchte ich sagen:

 

Gott sieht dich, auch wenn du dich ungesehen fühlst.

 

Gott hört dich, auch wenn du dich ungehört fühlst.

 

Gott weiß um dich und deine Situation, auch wenn du dich unverstanden fühlst.

 

Gott ist da, auch wenn du dich alleingelassen fühlst.

 

Nimm dir Zeit, mit Gott zusammen zu schweigen.

 

Nimm dir Zeit, auf Gott zu hören - und verzage nicht, wenn du ihn nicht hörst.

 

Nimm dir Zeit, mit Gott zu reden. Er hört dir zu.

 

Vertraue auf den Herrn, so wird er handeln (nach Ps. 37,5).

 

Vertraue auf den Herrn, deine Hilfe und dein Schild ist er (nach Ps. 115, 9).

 

Vertraue auf den Herrn und du wirst nicht zuschanden werden (Ps. 22,6).

 

Gott segne euch.