Der verlorene Sohn – Schwerpunkt geistlicher Tod

Zwei Fragen sind mir noch wichtig:

1. Kannte der jüngere Sohn seinen Vater?

 Was soll diese Frage? Eigentlich müsste man doch davon ausgehen können, dass der Sohn seinen Vater kennt. Er ist bei ihm groß geworden und wurde von ihm erzogen. Warum der Sohn seinen Vater verlassen hat, sind Spekulationen. Wir wissen nicht, ob sie Streit hatten. Das Leben scheint dem Sohn beim Vater auf jeden Fall nicht mehr gefallen zu haben. Der Alltag, die Arbeit beim Vater war vielleicht nicht das, was er sich erhofft oder gewünscht hat. Er hatte Sehnsucht nach einem anderen Leben. Er verließ deshalb seinen Vater.

Als sich der jüngere Sohn entschloss, zurückzukehren, hatte er nicht damit gerechnet, als Sohn wieder angenommen zu werden. Er war davon überzeugt, dass das nicht in Frage kommt. Deshalb hat er bei seinem Entschluss, nach Hause zu gehen, die Bitte eingeplant, Knecht seines Vaters sein zu dürfen. Er wusste, aufgrund der Tradition ist es nicht möglich, zu seinem Vater zurück zu kehren, hat man das Erbe eingefordert. Durch die vorzeitige Auszahlung des Erbes war die Beziehung der beiden tot. Er hatte die Hoffnung, als Knecht bei seinem Vater arbeiten zu dürfen, sonst hätte er sich nicht auf den Weg gemacht. Aber er hat nie und nimmer damit gerechnet, dass er als Sohn wieder auf- und angenommen wird. Deshalb ist meine Frage gerechtfertigt. Ich behaupte, der Sohn kannte seinen Vater nicht. Der Sohn kannte nicht das Wesen seines Vaters. Der Sohn wusste nichts von der Liebe, die der Vater für ihn hatte. Der Sohn wusste nichts um die Trauer des Vaters aufgrund seines Fortgehens. Der Sohn wusste nichts von der Gnade und Barmherzigkeit seines Vaters.

Vielleicht mag der Sohn diese Dinge mit dem Verstand gewusst haben, aber er hat sie nicht in seinem Herzen erfasst. Hätte der Sohn den Vater verlassen können, wenn es ihm in seinem Inneren bewusst gewesen wäre? Ich kann es mir nicht vorstellen. Liebe, die wahrgenommen wird, verbindet einander. Sie trennt nicht. Liebe, die wahrgenommen wird, lässt Menschen aufeinander zugehen. Sie gehen nicht auseinander. Liebe, die wahrgenommen wird, erklärt den, der Liebe schenkt, nicht für tot. Er ist froh, dass dieser lebt.

Deshalb schließe ich daraus, dass der Sohn seinen Vater nicht gekannt hat!

Kannte der ältere Sohn seinen Vater?

Der ältere Sohn blieb bei seinem Vater. Er hat nicht die Auszahlung seines Erbes gefordert. Er hat seinen Vater nicht für tot erklärt. Er hat weiterhin mit seinem Vater zusammengelebt und nach den Traditionen gelebt. Er hat sich im Gegensatz zu seinem Bruder in das System eingefügt und ist nicht aus diesem System ausgebrochen. Er hat für seinen Vater gearbeitet. Eigentlich müsste man doch meinen, der ältere Sohn kannte den Vater! Kannte er ihn wirklich?

Es gibt zwei Aspekte, die mich daran zweifeln lassen:

 * Der ältere Sohn hat die Reaktion seines Vaters bei der Rückkehr seines Bruders nicht verstanden. Entsprechend der damaligen Tradition war die Rückkehr des Bruders nach der Auszahlung des Erbes auch nicht mehr möglich. Gemäß dieser Tradition hatte der ältere Bruder eine klare Erwartungshaltung an seinen Vater: Sein Vater hat nur noch einen Sohn: Das war der ältere Sohn.

Aber was macht der Vater? Er nimmt den Bruder wieder auf als seinen Sohn. Er kann das nicht verstehen. Der Vater macht deutlich, dass dies für ihn eine Selbstverständlichkeit war. Hätte der ältere Sohn seinen Vater gekannt, hätte er um dessen Herzenshaltung gewusst. Er hätte gewusst, dass die Liebe des Vaters größer ist als jede Tradition.

* Der ältere Sohn wirft dem Vater vor, dass dieser nie für ihn ein Lamm? geschlachtet hat. Auch über diese Haltung ist der Vater erstaunt. Für den Vater ist klar: Was mir gehört, gehört meinem Sohn, der bei mir ist. Warum wusste der ältere Sohn nichts davon? Ich behaupte: er kannte auch in dieser Sache die Herzenshaltung seines Vaters nicht. Er hätte jeder Zeit mit seinen Freunden ein Feste feiern dürfen und dazu ein Tier schlachten dürfen.

Der ältere Sohn kannte somit auch nicht das Herz seines Vaters. Er wusste um Werte, um Erwartungen und um Traditionen, aber das Wichtigste, das Herz seines Vaters, hat er nicht ergriffen.

Was sagt uns das? Kennen wir Gott? Wisst ihr, wir werden nur Bruchstücke des Wesens Gottes erfassen. Aber das Wichtigste ist nicht das, was wir mit dem Verstand wahrnehmen, sondern das, was wir mit unserem Herzen erfassen. Bleibt unser Glaube nur auf der Verstandesebene, besteht die Gefahr, in eine Gesetzlichkeit zu verfallen. Eine andere Gefahr ist, dass wir die Ehrfurcht vor der Größe Gottes verlieren können, denken wir, Gott nur auf der Gefühlsebene verstehen zu brauchen. Gott hat uns als Personen mit Gefühl und Verstand erschaffen. Beides gehört zu unserer Persönlichkeit, deshalb sind beide Bereiche wichtig.