Freude Philipperbrief/11.10.2014

Heute möchte ich mit euch den Philipperbrief betrachten. Zu Beginn möchte ich einiges über die Geschichte der Stadt Philippi und der dortigen Gemeinde sagen:

Philippi wurde 358/357 v.Chr. von König Philipp II. von Makedonien gegründet und erhielt dabei seinen Namen. Er war der Vater Alexander des Großen. Nach dem Sieg der Römer über den letzten König von Makedonien im Jahr 168 v.Chr. wurde das Gebiet 20 Jahre später römische Provinz. Augustus machte sie 30 v. Chr. zu einer wichtigen römischen Kolonie. Die Stadt war mit dem Ius Italicum ausgestattet, dem italienischem Recht, dem römischen Bürgerrecht, wodurch die meisten Bürger direkt unter dem kaiserlichen Schutz standen. 

Die Stadt Philippi lag an einer Hauptverbindungsstraße zwischen Rom und Kleinasien. Zudem haben in der Nähe gelegene Gold- und Silberminen zur wirtschaftlichen Bedeutung der Stadt beigetragen. 

Die Einwohner der Stadt kamen aus verschiedenen Kulturen: Griechen, Römer, Ureinwohner (Thrakider). Dementsprechend bunt war auch die Religion. Es gab griechische, orientalische und thrakische Götter und den Kaiserkult. Das Judentum war scheinbar nicht stark vertreten. In der Apostelgeschichte wird keine Synagoge, sondern nur eine Gebetsstätte erwähnt (Apg. 16,11f).

Philippi wurde von Paulus während seiner 2. Missionsreise, zusammen mit Silas und Timotheus besucht (Apg. 16,1ff). Sie war die erste Stadt in Europa, in der  ungefähr ab dem Jahr 49 eine Gemeinde entstanden ist. Sie bestand überwiegend aus Heidenchristen. Paulus besuchte die Gemeinde zweimal während seiner 3. Missionsreise (Apg. 20,2.6).

Der Philipperbrief wurde um das Jahr 60 n.Chr. verfasst. Es wurden Grüße von Paulus und Timotheus der Gemeinde in Philippi überbracht. Somit scheint Timotheus bei der Verfassung des Briefes beteiligt gewesen zu sein. Paulus befindet sich in dieser Zeit - in Rom oder in Ephesus - in Gefangenschaft wegen seiner Verkündigung des Evangeliums. Der Ausgang des Verfahrens ist Paulus noch nicht klar. Ihm ist allerdings bewusst, dass er zum Tode verurteilt werden könnte (Phil. 1,18).

Aus dem Brief wird spürbar, dass Paulus ein sehr enges Verhältnis zu dieser Gemeinde hat. Die Verbundenheit war besonders innige und einzigartig, wie sie zu keiner anderen Gemeinde bestanden hat. Sie standen immer wieder im Kontakt zueinander, so dass jeder genau wusste, wie es dem anderen erging. Die Verbundenheit wird an der Art des Briefes sehr deutlich. Es ist ein sehr persönlicher Brief. Paulus schreibt offen von seinen Drangsalen und seinen geistlichen Bestrebungen. Zudem wird deutlich, dass die Gemeinde in Philippi ihm gegenüber treu war und ihn durch Gaben unterstützte.

Was sind die Themen des Briefes?

•    Der Brief ist von dem Thema Freude durchzogen - der Freude im Herrn! Es geht dabei nicht um eine theologische Abhandlung, sondern um die Freude, die Paulus innerlich – trotz seiner aktuellen Situation – erlebt. Er zeigt auf:

-    Wer Hoffnung auf Gott hat, kann sich in jeder Lebenslage freuen.

-    Jesus ist unsere Quelle. Wenn wir mit ihm verbunden sind, erleben wir lebenslange Freude.

•    Der Brief ist ein Freundschaftsbrief. Er wurde nicht aufgrund von irgendwelchen Schwierigkeiten der Gemeinde geschrieben, sondern aufgrund des Danks für die für ihn überbrachten Gaben. Die Gemeinde sorgt sich um Paulus und nicht umgekehrt. Paulus sagt der Gemeinde, wie es ihm geht und wie er sich als Gefangener innerlich fühlt. Es geht gar nicht so sehr um seine äußeren Umstände, sondern um seine Gefühle. 

•    Paulus thematisiert das Verhältnis Glauben und Leiden. Seine Gerechtigkeit kommt aus dem Glauben und sein Leben aus der Gnade. Der Tod hat keine Macht über Menschen, die auf Jesus vertrauen.

Ich möchte nun näher auf die Freude eingehen. Was ist Freude? Das Stammwort von Freude ist froh. Es geht also um ein Frohgefühl und um eine heitere Stimmung. Wer sich freut, fühlt sich wohl, die seelischen Bedürfnisse sind erfüllt.

Wie erlangen wir dieses Gefühl von Freude und wohl sein? Wird es durch unsere Erlebnisse hervorgerufen? Der verlorene Sohn war vermutlich auf der Suche nach dieser Freude und diesem Wohlbefinden. Ich stelle mir das Szenario folgendermaßen vor: Er sah die Arbeit und die Pflichten, die sein Vater hatte, er sah aber vermutlich nicht die Freude, die dieser damit hatte. Er konnte sich nicht vorstellen, zu Hause zu bleiben und dem Lebensstil seines Vaters zu folgen. Er wollte mehr vom Leben. Er wollte Spaß und Freude erleben. So ließ er sich das Erbe ausbezahlen und zog von dannen. Es ging ihm einige Zeit gut. Ich möchte sogar behaupten, dass es ihm sehr gut ging. Er konnte sich leisten, was er wollte und lebte in Saus und Braus. Er tat, was ihm gefiel, und das machte ihm Freude. Aber eines Tages war sein Geld weg. Dies schien er nicht bedacht zu haben. Mit dem Geld waren auch die Freunde weg. Er war allein und mittellos. Er war einsam und litt an Hunger. Nichts blieb übrig von seinem kurzfristigen Gefühl der Freude. Und diese kurzfristige Freude hatte ihren Preis. Was war dieser Preis, den der Sohn für seine Sehnsucht nach Freude bezahlt hat? Der Preis war das Erbe seines Vaters und der Status im Hause seines Vaters. Das Erbe wurde normalerweise erst mit dem Tod des Vaters übergeben. In der damaligen Kultur bedeutete die vorzeitige Ausbezahlung, dass der Vater für den Sohn nun tot war. Eine Beziehung zwischen den beiden existierte somit nicht mehr und war nun auch nicht mehr vorstellbar. Das wusste der Sohn. Deshalb erwartete er auch bei seiner Rückkehr nicht, wieder in die Stellung des Sohnes zurückkehren zu können. Er hoffte allerdings, als Knecht in den Dienst genommen zu werden.

Was war das Problem des verlorenen Sohnes? Sein Problem war nicht, dass er Freude erleben wollte. Sein Problem war die Art und Weise, wie er dies erreichen wollte. Er dachte, mit Hilfe des Geldes könnte er Freude haben. Diese erlebte er auch. Allerdings war seine Freude nur von kurzer Dauer, sie war von Exzessen begleitet und dazu sehr kostspielig. Wie gesagt: Es kostete ihn sein Erbe und seinen Status im Haus seines Vaters. Er konnte nun nur noch hoffen, als Knecht bei seinem Vater arbeiten zu dürfen. Nun scheut er die Arbeit nicht mehr. Freude steht nicht mehr im Vordergrund seines Denkens. Es geht ihm inzwischen ums Überleben. Wir wissen, wie diese Geschichte weitergeht. Sie nimmt eine unerwartete Wendung. Die Liebe des Vaters ist aus menschlicher Sicht unbegreiflich groß. Der Vater sieht den Sohn, rennt auf ihn zu und umarmt ihn.

•    Der Vater setzt Nichts voraus. Er sagt nicht: „Wasch dich erst einmal, du stinkst. Wenn du gewaschen bist, darfst du dich mir nähern.“

•    Er macht ihm keine Vorwürfe. Er sagt nicht: „Du hast also das ganze Geld ver-prasst. Weißt du überhaupt, wie lange ich dafür schuften musste?“

•    Er erwartet kein Schuldeingeständnis. Er umarmt den Sohn, bevor dieser irgendetwas sagen kann.

•    Er stellt keine Bedingungen. Er sagt nicht: „Versprich mir, dass du zukünftig vernünftig bist.“ Er sagt auch nicht: „Erst wenn du dies oder jenes getan hast, nehme ich dich in den Arm.“

•    Er vergleicht ihn nicht mit seinem Bruder. Er sagt nicht: „Nimm dir ein Beispiel an deinem Bruder. Er war mir treu, ihn liebe ich.“

•    Er erwartet keine Erklärung. Er sagt nicht: „Ich verstehe dein Verhalten nicht. Erkläre mir, was in dich gefahren ist.“

•    Er hat keine Erwartungen. Der Sohn ist da, das genügt dem Vater, um ihn liebevoll in den Arm zu nehmen.

Geht es uns wie dem verlorenen Sohn? Sind wir auf der Suche nach Freude? Was tun wir, um Freude zu erleben? Was investieren wir, um Freude zu erleben? Was ist unser Preis, den wir zu zahlen bereit sind? Haben wir ebenfalls Wege eingeschla-gen, die uns nur kurzfristige Freude bringen?

Erinnern wir uns an die Lebenssituation von Paulus. Er befindet sich im Gefängnis. Das ist ein Ort, an dem sicher keiner von uns sein möchte. Paulus weiß nicht, ob er am Leben bleiben wird oder zum Tode verurteilt werden wird. Eigentlich sollten wir meinen, dass Paulus aufgrund dieser Situation traurig, unglücklich, verzweifelt ist. Keiner würde auf die Idee kommen, dass er Freude empfinden könnte. Dennoch ist seine Lebenseinstellung von Freude geprägt. Interessant ist, dass Paulus einen völlig anderen Ansatz hat als der verlorene Sohn, der sich nicht in Not befindet, als er sich nach Freude sehnt. Schauen wir uns an, über was sich Paulus freut.

•    Phil. 1,18ff: Paulus freut sich, dass Jesus verkündigt wird, auch wenn die Motivation falsch ist. Und er freut sich, dass seine Gefangenschaft auf jeden Fall zu seiner Errettung führt, auch wenn er sterben sollte, weil er Jesus sehen wird. Sterben ist für ihn ein Gewinn!

•    Phil. 1,25: Paulus schreibt  von der Freude im Glauben. 

•    Phil. 2,17f: Paulus freut sich, wenn sein Leben für die Philipper geopfert wird, und er sagt, dass die Philipper sich auch freuen sollen.

•    Phil. 2,2: Paulus freut sich, wenn Philipper eins sind. Dazu fordert er sie auf.

•    Phil. 3,1; 4,4: Paulus fordert die Gemeinde auf, sich im Herrn, mit der Freude des Herrn zu freuen. Er ordnet dies an!

•    Phil. 4, 1: Paulus bezeichnet die Gemeinde als seine Freude

Um was geht es bei diesen Dingen? Es geht um eine Freude, die unser Leben prä-gen wird. Es ist eine Freude, die nicht von außen bewirkt wird, sondern eine Freude, die von innen kommt. Diese Freude trägt durch schwierige Situationen hindurch. Sie ist nicht oberflächlich. Es geht also um eine Lebensfreude, die situationsunabhängig ist. Sie ist unabhängig davon, in welcher Lebenssituation wir stecken.

Paulus geht sogar so weit, dass er Freude anordnet. Wie geht das? Ist das möglich? Paulus hat es vorgelebt. Er weiß um das Ziel seines Lebens. Dies beeinflusst nicht nur sein Denken, sondern bestimmt sein Denken und auch seinen Lebensstil. Er weiß: Jesus ist der Herr. Jesus hat mich erlöst. Jesus kommt wieder. Paulus hat die Freude, dass Jesus ihm vergeben hat. Das ist seine innerliche Gewissheit. Das ist seine Priorität. Das bestimmt sein Leben. Seine Freude leitet sich also nicht von ir-gendeinem Erlebnis ab, sondern von der Beziehung zu Jesus. Er freut sich im Herrn.  

Was macht diese Beziehung zwischen Paulus und Jesus aus? Ich bin davon über-zeugt, dass sich Paulus der besonderen Beziehung bewusst ist, die Jesus zu seiner Gemeinde hat. Von was spreche ich? Paulus weiß, dass Jesus auf ihn wartet. Er weiß, dass dieser als Bräutigam auf ihn wartet. Er weiß um die Liebe, die Jesus zu seiner Braut hat. D.h. Paulus wusste sich geliebt. Nur wer liebt kann Dinge tun, die einem sonst nicht möglich sind.

Wisst ihr, es ist ein Unterschied, ob wir Gott loben und preisen, weil wir wissen, dass wir es tun sollen, oder ob wir Gott loben und preisen, weil wir Gott lieben und uns von ihm geliebt fühlen. Es ist ein Unterschied, ob wir aus einem Pflichtgefühl heraus beten oder aus Liebe zu unserem Herrn. Es ist ein Unterschied, ob wir Gott die-nen, weil wir denken, dass ihm dies gefällt, oder ob wir Gott aus einer Liebesbeziehung heraus dienen. Was ist der Unterschied? Es ist die Haltung, aus der wir Dinge tun. Die eine Haltung kommt aus unserem Verstand heraus, die andere aus unserem Herzen.

Liebende tun viele Dinge, die sie nur tun, weil sie sich lieben. Ohne diese Liebesbeziehung würden sie sagen: „Warum soll ich das tun? Ich habe doch nichts davon!“ Liebe ist also der Motor, der Paulus angetrieben hat, und der es ihm möglich machte, das Werk zu tun, das er tat. Liebe ließ ihn die Gefangenschaft ertragen und Freude empfinden. Ohne diese Liebe zwischen ihm und Jesus wäre alles anders gekommen. Er wäre ein Christenverfolger geblieben und wäre kein Apostel geworden.

Wir haben aus der Geschichte mit dem verlorenen Sohn gesehen, dass Gott uns liebt ohne Bedingungen und Erwartungen, ohne Vorwürfe und Vergleiche mit an-deren, ohne Erklärungen oder Schuldeingeständnisse und ohne Voraussetzungen. Wir müssen nichts vorweisen oder bringen. Gott nimmt uns so an, wie wir sind. Er liebt uns mit all unseren Ecken und Kanten, mit all unseren Ängsten und Sorgen, mit all unserem Versagen und all unserer Schuld, die wir auf uns geladen haben, mit all unseren Fehlern und Fehlentscheidungen. Wenn wir zu ihm kommen, nimmt er uns liebevoll in unserem Arm, tröstet uns und beschenkt uns. Er wäscht uns rein von all unserer Schuld, er zieht uns neue Kleider an und gibt uns einen Ring. Sind wir uns dessen bewusst?

Sind wir uns auch der Liebe Jesu bewusst, der uns als seine Braut betrachtet? Wir lesen in Jes. 62,5:

Wie der junge Mann sich mit der Jungfrau vermählt, so vermählt sich mit dir dein Erbauer. Wie der Bräutigam sich freut über die Braut, so freut sich dein Gott über dich.

Braut und Bräutigam haben einige innige Liebesbeziehung. Sie sind voller Freude und Liebe, wenn sie zusammen sein können. Leben wir in dieser engen Liebesbeziehung zu Jesus? Brennt in uns das Feuer unserer ersten Liebe zu ihm? Wenn nicht: Lasst uns dieses Feuer von Jesus wieder neu in uns entzünden! Strecken wir uns neu aus nach dieser innigen Beziehung. Richten wir unsere Sehnsucht auf ihn. Das Wunderbare ist, dass dann unser Leben so aussehen wird wie das von Paulus: Wir werden Freude im Herrn haben. Unabhängig von unserer Lebenssituation werden wir Freude erleben, weil Jesus in uns wohnt und seine Liebe uns umgibt. Lasst uns nicht aufhören, Jesus zu lieben. Jesus hört nicht auf uns zu lieben. Lasst uns also an dieser Liebesbeziehung festhalten. Abschließen möchte ich mit dem Vers aus Neh. 8,10:

Und seid nicht bekümmert; denn die Freude am HERRN ist eure Stärke.

Amen.