Sei stark und mutig/09.06.2018

Eine Geschichte aus dem Mittelalter

 

Ein alter Kaufmann zieht mit seinem Wagen aus der wunderschönen Stadt Venedig hinaus. Sein Esel tut ihm gute Dienste und zieht den Karren rasch voran.

Nach einer Weile erreicht er eine verengte Stelle, die zwei Karren nicht nebeneinander passieren können.

Just in diesem Moment kommt ihm ein zweiter Karren entgegen.

Der andere blickt ihm grimmig in die Augen und ruft: „Geh mir aus dem Wege, alter Mann, oder ich mache das Gleiche, was ich in Montecassino tat.”

Erschrocken und verängstigt macht der alte Mann sogleich Platz.

Nachdem der Mann mit seinem Karren vorübergezogen ist, fasst sich der alte Kaufmann ein Herz und fragt schüchtern: “Was hast du denn in Montecassino getan?”

“Nun”, antwortet der andere “dort bin ich ausgewichen und habe Platz gemacht.”

Schauen wir uns die Geschichte an: Ein alter Mann will mit seinem Karren über eine Brücke fahren, über die keine zwei Karren aneinander vorbeifahren können. Obwohl der alte Mann zuerst an der Brücke ankommt und somit das Recht hätte, auch zuerst darüber fahren zu können, lässt er sich von einem Mann, der von der anderen Seite über die Brücke fahren möchte, einschüchtern. Wir erfahren, dass der andere Mann dem alten Mann grimmig in die Augen blickt. Zudem ruft er dem alten Mann einen Satz zu, der den alten Mann erschreckt und verängstigt. Der Satz lautet: „Geh mir aus dem Wege, alter Mann, oder ich mache das Gleiche, was ich in Montecassino tat.” Was ist daran erschreckend? Was lässt den alten Mann verängstigt sein? Ich denke, es sind drei Dinge:

  • Es ist seine Körpersprache.

Er hat einen grimmigen Blick. Wann schauen wir den grimmig? Das tun wir, wenn wir aufgebracht, verärgert oder erzürnt sind. Wir dürfen davon ausgehen, dass seine Körperhaltung ebenfalls seinen Ärger zum Ausdruck gebracht hat.

  • Es ist die Art und Weise, wie er es sagt.

In seiner Stimme ist sicher kein freundlicher oder sanfter Ton zu finden. Sein grimmiger Blick lässt erahnen, dass seine Stimme ebenfalls grimmiger Natur ist.

  • Es ist die Ankündigung, dass er das Gleiche tun wird, was er bereits in Montecassino getan hat.

In Verbindung mit dem grimmigen Blick und der entsprechenden Stimmung kann dieser Satz nur als Bedrohung aufgefasst werden.

Der alte Mann weiß zwar nicht, was der andere in Montecassino getan hat, doch er lässt dem anderen den Vortritt. Er ist erschrocken und verängstigt. Ihm fehlt der Mut, um loszufahren und auf seinem Recht zu bestehen. Ihm fehlt auch der Mut, um dem anderen die Meinung zu sagen. Obwohl er zuerst an der Brücke ist, lässt er dem anderen Mann den Vortritt. Doch der alte Mann ist neugierig. Er will wissen, was der andere in Montecassino getan hat. Schüchtern fragt er nach. Der andere sagt es ihm bereitwillig. Ich kann mir sogar vorstellen, dass seine Stimme und sein Gesichtsausdruck nun nicht mehr bedrohlich gewirkt haben. Vielleicht hat er bei seinen Worten gegrinst, vielleicht hat er es sogar lachend gesagt, vielleicht hat er dabei mit den Augen gezwinkert. Doch darüber erfahren wir nichts. Die Geschichte endet mit der Antwort des anderen Mannes. Der Schreiber der Geschichte überlässt die Reaktion des alten Mannes auch unserer Phantasie. Was denkt ihr über seine Reaktion? Ist er ärgerlich über den anderen Mann, der ihn eingeschüchtert hat, oder über sich selbst, weil er sich hat einschüchtern lassen? Doch über eines werden wir uns einig sein: Der alte Mann ist vermutlich sehr erstaunt über die Antwort des anderen Mannes.  

Wir finden in dieser Geschichte zwei Männer vor, die unterschiedlicher nicht sein können.

Der andere Mann

Der alte Mann

ist nicht alt,

d.h. jung oder im mittleren Alter.

ist alt.

agiert.

reagiert.

fordert ein Recht ein,

das ihm nicht zusteht.

überlässt dem anderen sein Recht.

schüchtert ein.

ist eingeschüchtert.

macht Angst.

ist ängstlich.

ist unerschrocken.

ist erschrocken.

Ich habe mich gefragt, ist der andere Mann mutig? Nein, das ist er nicht! Das ergibt sich daraus, dass er es nicht auf eine Auseinandersetzung oder einen Kampf hätte ankommen lassen. Hätte der alte Mann auf seinem Vorrecht bestanden, wäre er ausgewichen und hätte Platz gemacht. Doch das wusste der alte Mann nicht. Daher war der alte Mann mutlos. Vermutlich hat er sich mit dem anderen verglichen, sich seine Chancen bei einer Auseinandersetzung ausgerechnet. Dabei ist er zu dem Schluss gekommen, dass es klüger ist nachzugeben.

Ich frage euch, wie oft fehlt uns der Mut, um etwas zu tun, was wir eigentlich tun wollen. Was hindert uns daran, mutig zu sein? Von wem oder was lassen wir uns abhalten? Wer oder was erschreckt, verängstigt und entmutigt uns?

Im Wort Gottes werden wir immer wieder dazu aufgefordert, mutig zu sein. Dazu möchte ich zuerst klären, was Mut bedeutet. Mutig ist,

Wer weiß, in welchem Zusammenhang die Worte „sei/ seid mutig“ das erste Mal auftauchen? Mose sagt diese Worte zu den zwölf Kundschafter, die das Land Kanaan erkunden sollen (4. Mos. 13,20). Unter ihnen ist Josua. Was wissen wir noch über Josua?

  • Er ist der Sohn Nuns, vom Stamm Ephraim.

4. Mos. 13,8: Hoschea, der Sohn Nuns, vom Stamme Ephraim;

  • Bevor er von Moses Josua genannt wird, heißt er Hoschea.

4. Mos. 13,16b: Aber Hoschea, den Sohn Nuns, nannte Mose Josua.

  • Der Name Hoschea bedeutet „Rettung“ und der Name Josua „der Herr ist Rettung“. Damit weist Mose das Volk anschaulich darauf hin, von wem die Rettung kommt und wofür Gott Josua benutzt.
  • Die Namen Josua und Jesus haben dieselbe Bedeutung: „der Herr ist Rettung".
  • Somit deutet der Name Josua auf den Messias hin, den vollkommenen Retter Israels und den vollkommenen Retter der gesamten Menschheit.
  • Er dient Mose seit seiner Jugend an.

4. Mos. 11,28: Da antwortete Josua, der Sohn Nuns, der dem Mose diente von seiner Jugend an,.. .

  • Bereits als Jugendlicher steht er an der Seite von Mose. Vielleicht hat er Mose bewundert. Vielleicht hat er den Segen Gottes gespürt. Vielleicht hat er wahrgenommen, dass Gottes Geist auf ihm war. Vielleicht war er fasziniert von der Ausstrahlung des Moses.
  • Er ist treu.

2. Mos. 24:

12: Und der HERR sprach zu Mose: Komm herauf zu mir auf den Berg und bleib daselbst, dass ich dir gebe die steinernen Tafeln, Gesetz und Gebot, die ich geschrieben habe, um sie zu unterweisen.

13: Da machte sich Mose auf mit seinem Diener Josua. Und Mose stieg auf den Berg Gottes.

18 Und Mose ging mitten in die Wolke hinein und stieg auf den Berg und blieb auf dem Berge vierzig Tage und vierzig Nächte.

2. Mos. 33,11: Der HERR aber redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet. Dann kehrte er zum Lager zurück; aber sein Diener Josua, der Sohn Nuns, ein junger Mann, wich nicht aus dem Zelt.

  • Josua wartet somit die gesamten 40 Tage und Nächte in einem Zelt in der Nähe des Berges, bis Moses zurückkehrt.

5. Mos. 1,38: Aber Josua, der Sohn Nuns, der dein Diener ist, …

Josua dient dem Mose immer noch. Mose ist inzwischen 120 Jahre alt. Als Mose von Gott zum Führer des Volkes Israel berufen worden ist, war er 80 Jahre alt. Und in diesen 40 Jahren war Josua der Diener von Mose. Es war vermutlich mehr für ihn als nur ein Beruf, es war seine Berufung.

  • Josua ist gehorsam.

2. Mos. 17,10: Und Josua tat, wie Mose ihm sagte,

  • Josua hat Vertrauen zu Mose.
  • Josua lässt sich von äußeren Umständen nicht beeinflussen.

Kaleb und Josua erkunden in 4. Mos. 13 mit zehn weiteren Männern das Land Kanaan. Nach 40 Tagen kommen sie zurück. Das Volk reagiert ängstlich auf die Aussagen der zehn Kundschafter. Doch Josua und Kaleb stellen sich vor das Volk und sagen, dass sie keine Angst haben brauchen, da der Herr mit ihnen ist.

4. Mos. 14:

6 Und Josua, der Sohn Nuns, und Kaleb, der Sohn Jefunnes, die auch das Land erkundet hatten, zerrissen ihre Kleider

7 und sprachen zu der ganzen Gemeinde der Israeliten: Das Land, das wir durchzogen haben, um es zu erkunden, ist sehr gut.

8 Wenn der HERR uns gnädig ist, so wird er uns in dies Land bringen und es uns geben, ein Land, darin Milch und Honig fließt.

9 Fallt nur nicht ab vom HERRN und fürchtet euch vor dem Volk dieses Landes nicht, denn wir wollen sie fressen wie Brot. Es ist ihr Schutz von ihnen gewichen, der HERR aber ist mit uns. Fürchtet euch nicht vor ihnen!

  • Josua ist nicht nur der Diener Josuas, sondern auch ein Kämpfer.

2. Mos. 17,9: Da sprach Mose zu Josua: Erwähle uns Männer, zieh aus und kämpfe gegen Amalek.

2. Mos. 17,13: Und Josua überwältigte Amalek und sein Volk durch des Schwertes Schärfe.

  • Ist Josua ein begabter Kämpfer? Erringt er den Sieg wegen seiner Stärke? Nein! Mose hebt während des gesamten Kampfes die Hände zu Gott empor (2. Mos. 17,9-13). Aaron und Hur unterstützen Josua .

Als Josua bei Sonnenuntergang Amalek überwältigt, sagt Gott zu Mose:

2. Mos. 17,14: Und der HERR sprach zu Mose: Schreibe dies zum Gedächtnis in ein Buch und präge es Josua ein; denn ich will die Erinnerung an Amalek unter dem Himmel austilgen.

  • Josua soll sich an diesen Sieg, der ihm von Gott geschenkt worden ist, erinnern.
  • Josua wird erfüllt mit dem Geist der Weisheit.

5. Mos. 34:

9 Josua aber, der Sohn Nuns, wurde erfüllt mit dem Geist der Weisheit; denn Mose hatte seine Hände auf ihn gelegt.

  • Josua wird zum Führer des Volkes Israel.

Das fünfte Buch Mose endet in Kapitel 34 mit dem Tod von Mose. Mose ist ein weiser und mutiger Anführer, der eine enge Beziehung zu Gott gehabt hat. Vor seinem Tod setzt er Josua zu seinem Nachfolger ein. 5. Mos. 31:

1 Und Mose ging hin und redete diese Worte mit ganz Israel

2 und sprach zu ihnen: Ich bin heute hundertzwanzig Jahre alt, ich kann nicht mehr aus und ein gehen. Dazu hat der HERR zu mir gesagt: Den Jordan hier sollst du nicht überschreiten!

3 Der HERR, dein Gott, wird selber vor dir hergehen. Er selber wird diese Völker vor dir her vertilgen, dass du ihr Land einnehmen kannst. Josua, der soll vor dir hinübergehen, wie es der HERR zugesagt hat.

7 Und Mose rief Josua und sprach zu ihm vor den Augen von ganz Israel: Sei getrost und unverzagt; denn du wirst mit diesem Volk in das Land gehen, das der HERR ihren Vätern geschworen hat, ihnen zu geben, und du wirst es unter sie austeilen.

  • Mose spricht Josua ermutigende Worte zu. Mose weiß aus eigener Erfahrung, dass die Aufgabe, das Volk zu führen, nicht immer leicht ist.
  • Josua wird zugesagt, dass er das Land Kanaan dem Volk Israel austeilen soll.

5. Mos. 1,38: Aber Josua, der Sohn Nuns, der dein Diener ist, der soll hineinkommen. Den stärke, denn er soll Israel den Erbbesitz austeilen.

5. Mos. 3,28: Und gebiete dem Josua, dass er getrost und unverzagt sei; denn er soll über den Jordan ziehen vor dem Volk her und soll ihnen das Land austeilen, das du sehen wirst.

Im Buch Josua erfüllen sich die eben genannten Bibelstellen. Josua führt die Israeliten in das ihnen verheißene Land, unterwirft die vorherigen Einwohner, erobert Kanaan, und teilt das Land auf die Stämme Israels auf.

Josua erlebt einen gewaltigen Karrieresprung. Er dient Mose 40 Jahre lang und wird daraufhin zum Führer des Volkes Israel. Doch jetzt frage ich euch: Wie kann ein Diener zu einer Führungsperson werden? Ist jemand, der die Rolle des Dienens gewohnt war, überhaupt in der Lage, eine Leitungsrolle zu übernehmen? Fehlen einem Diener nicht die entscheidenden Kriterien, die einen Leiter ausmachen? Kann ein Volk eine solche Person überhaupt akzeptieren? Wird sie nicht Schwierigkeiten haben, sich bei diesem Volk durchzusetzen?

Im weltlichen Bereich spielen diese Frage eine wichtige Rolle. Doch im Reich Gottes gelten Gottes Vorstellungen. Josua ist aufgrund der Rolle des Dieners von Mose sehr geeignet, sein Nachfolger zu werden. Mose ist für Josua ein Vorbild. Mose hat eine enge Beziehung zu Gott und Josua hat die Gelegenheit, ihn und diese Beziehung zu studieren und viel über Gott zu erfahren.

Gott bereitet Josua auf seine Aufgabe vor. Nach dem Kampf gegen Amalek fordert Gott Mose auf, den Sieg in ein Buch zu schreiben und ihn Josua einzuprägen. Es ist wichtig für Josua, dass er sich daran erinnert, dass Gott derjenige ist, der den Sieg schenkt. Mose wird zudem von Gott beauftragt, Josua Zuversicht und Mut zuzusprechen. Josua soll sich nicht auf seine eigene Stärke, sondern auf Gottes Stärke verlassen. Letztlich wird Josua erfüllt mit dem Heiligen Geist. Somit kann er mit Gott in Beziehung kommen.

Und jetzt eine wichtige Frage: Was machen Leitungspersonen im Reich Gottes aus? Sie wissen um die Notwendigkeit des Gehorsams gegenüber Gott. Sie wissen, dass es bei ihrer Aufgabe nicht um die Ausübung einer Machtposition geht, sondern um einen Dienst für Gott und einen Dienst für die ihm anvertraute Menschen. Und sie wissen um ihre Verantwortung Gott und den Menschen gegenüber.

Ich möchte zum Schluss noch zwei provozierende Fragen stellen: Hat Josua darauf spekuliert, zum Nachfolger Mose zu werden? War er nur deshalb bereit, Mose zu dienen, um eines Tages herrschen zu können? Davon wird im Wort Gottes nichts berichtet. Und zu Beginn des Buches Josua stellen wir fest, dass Josua den Zuspruch Gottes benötigt. Bereits im ersten Kapitel sagt Gott vier Mal zu Josua, sei stark und mutig. Das kann nur eines bedeuten: Josua ist zu diesem Zeitpunkt weder stark noch mutig. Er ist auf die Ermutigung Gottes angewiesen. Er weiß, Gott hat ihn für diese Aufgabe bestimmt. Doch er hat keine Ahnung, wie er diese Aufgabe bewältigen kann. Das weiß Gott. Daher schenkt er ihm diese ermutigenden und aufbauenden Worte. Jos. 1:

6 Sei stark und mutig! Denn du, du sollst diesem Volk das Land als Erbe austeilen, das ihnen zu geben ich ihren Vätern geschworen habe.

7 Nur sei recht stark und mutig, dass du darauf achtest, nach dem ganzen Gesetz zu handeln, das mein Knecht Mose dir geboten hat! Weiche nicht davon ab, weder zur Rechten noch zur Linken, damit du überall Erfolg hast, wo immer du gehst!

9 Habe ich dir nicht geboten: Sei stark und mutig? Erschrick nicht und fürchte dich nicht! Denn mit dir ist der HERR, dein Gott, wo immer du gehst.

18 Jeder, der sich deinem Befehl widersetzt und nicht auf deine Worte hört in allem, was du uns befiehlst, soll getötet werden. Nur sei stark und mutig!

Interessant ist, dass Josua diese Worte verinnerlicht. Stark und mutig hat er sich seiner Aufgabe angenommen und sie erfüllt. Wie ist ihm das gelungen? Er hat Gott und seinen Worten, seinen Verheißungen vertraut. Er hat darauf vertraut, dass Gott zu seinem Wort steht und ihm hilft. Und dadurch ist er auch in der Lage, das Volk zu ermutigen. Jos. 10:

25 Und Josua sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht und erschreckt nicht, seid stark und mutig! Denn genauso wird der HERR mit allen euren Feinden verfahren, gegen die ihr kämpft.

Hat uns Gott eine Aufgabe gegeben? Wissen wir nicht, wie wir diese Aufgabe bewältigen sollen? Fühlen wir uns deswegen schwach und mutlos? Sind wir verängstigt? Dann dürfen wir zu Gott gehen und ihn darum bitten, uns Stärke und Mut zur Bewältigung unserer Aufgabe zu schenken. Wir dürfen ihn um den Geist der Weisheit bitten. Wir müssen diese Aufgaben nicht aus eigener Kraft heraus bewältigen. Gott steht zu dem, was er verheißt. Das können wir im Buch Josua verfolgen. Gott hat dem Volk Israel das verheißene Land geschenkt. Und auch wir dürfen das Land einnehmen, das Gott uns zugesagt hat.

 

Gott segne euch!