Umgang mit Menschen

07.07.2019

Trügender Eindruck

 

Ich wählte an einem Freitagabend den späteren Zug, um der Rushhour zu entgehen. Fünf Tage lang hatte ich an einer anstrengenden Programmschulung teilnehmen müssen, die mir mein Chef aufs Auge gedrückt hatte. Nun brauchte ich dringend meine wohlverdiente Ruhe und freute mich auf meine Familie.

 

Im Zug war es angenehm ruhig. Die meisten Passagiere waren mit ihren Smartphones beschäftigt, lasen in der Zeitung oder legten ein kleines Nickerchen ein.

 

Doch die friedliche Stimmung änderte sich abrupt an der nächsten Haltestelle, als eine Mutter mit ihren kleinen Kindern einstieg. Die Frau setzte sich mir grußlos gegenüber und schloss ihre Augen. Ihre Kinder hingegen waren laut, wild und äußerst störend. Sie rannten im gesamten Zugabteil umher und rempelten so manchen Fahrgast an, eine ältere Dame verschüttete sogar den Inhalt ihres Bechers Kaffee über den Mantel.

 

Dass die Mutter diese Situation nicht zur Kenntnis nahm und ihre Kinder maßregelte, obwohl schon weitere Fahrgäste hinter vorgehaltener Hand ihrem Unmut Luft machten, irritierte mich.

 

Ich wollte die Frau gerade ansprechen, als mir der Schaffner zuvorkam: „Werte Frau, Ihre Kinder sind wirklich sehr störend! Ich bitte Sie, Ihre Rabauken zur Ruhe zu bringen!“

 

Die Frau öffnete verstört ihre Augen und es sah aus, als ob sie sich erst jetzt dieser Situation bewusstwürde. Entschuldigend sagte sie leise: „Ich bitte vielmals um Verzeihung wegen meiner Achtlosigkeit. Wissen Sie, wir kommen gerade aus der Klinik, in der mein Mann vor einer Stunde verstorben ist und ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Meine Kinder wissen vermutlich auch nicht, wie sie mit dem Verlust ihres Vaters umgehen sollen.“

 

Beschämt senkte ich mein Haupt über mein vorschnell gedachtes Urteil. Die Frau erhob sich, um an der nächsten Haltestelle auszusteigen. Wortlos drückte ich ihre Hand, woraufhin für einen kurzen Moment ein Lächeln über ihr Gesicht huschte und sie mich dankbar ansah.

 

Lasst uns die Personen der Geschichte genauer betrachten. Ich weiß nicht, wie es euch geht. Ich bin automatisch davon ausgegangen, dass die Person, die die Ich-Form verwendet, eine Frau ist. Doch ich kann es nicht mit Bestimmtheit sagen. Nennen wir die Person einfach einmal Annegret. Annegret freut sich auf ihren Feierabend, ihre Familie und das Wochenende. Sie will sich einfach nur noch Ausruhen. Doch die Ruhe im Zug ist schnell vorbei, als eine Mutter mit ihren Kindern das Zugabteil betritt. Die Kinder sind mehr als unruhig, so dass sich die anderen Fahrgäste bereits ärgern. Annegret will die Mutter darauf ansprechen, doch der Schaffner kommt ihr zuvor. Wie reagiert die Mutter? Sie entschuldigt sich. Und sie offenbart sich. Ihr Mann ist erst kurz zuvor verstorben. Sie steht vermutlich – wie die Kinder auch – noch unter Schock und ist verständlicherweise nicht handlungsfähig. Sie nimmt nicht bewusst wahr, was um sie herum geschieht. Kann man es ihr verübeln? Nein! Annegret hört die Worte der Mutter und ist beschämt. Ihr wird bewusst, dass sie vorschnell ein Urteil gefällt hat. Und sie ist voller Mitgefühl. Die Geschichte lautet passend: Trügender Eindruck.

 

Wie steht es um uns? Könnt ihr euch daran erinnern, dass ihr gestern oder vorgestern eine Situation beobachtet und darüber ein Urteil gefällt habt? Das Problem dabei ist, dass wir uns ein Ordnungssystem angelegt haben und Menschen und Situationen sehr schnell in dieses System einordnen. Das erfolgt meist in wenigen Sekunden. Mit dieser Einordnung erfolgt eine Bewertung, die neutral, positiv oder negativ sein kann.

 

Paulus warnt davor. In 1. Kor. 3 (Die Gute Nachricht) sagt er:

 

18 Niemand soll sich etwas vormachen! Wenn es welche unter euch gibt, die sich nach den Maßstäben dieser Welt für weise halten, müssen sie erst töricht werden nach diesen Maßstäben, um wirklich weise zu sein.

 

19 Was die Menschen für Tiefsinn halten, ist in den Augen Gottes Unsinn. In den Heiligen Schriften heißt es: „Gott fängt die Klugen im Netz ihrer eigenen Schlauheit.“

 

20 Und es heißt auch: „Der Herr kennt die Gedanken der Weisen und weiß, wie sinnlos sie sind.“

 

21 Darum soll sich niemand etwas auf einen Menschen einbilden und mit dem von ihm bevorzugten Lehrer prahlen. Euch gehört doch alles,

 

22 ob es nun Paulus ist oder Apollos oder Petrus; euch gehört die ganze Welt, das Leben und der Tod, die Gegenwart und die Zukunft. Alles gehört euch,

 

23 ihr aber gehört Christus, und Christus gehört Gott.

 

Was ist das Problem der Korinther? Sie betreiben Personenkult. Anstatt zu erkennen, dass die Diener Gottes alle am gleichen Werk arbeiten, entscheidet jeder für sich, wem er anhängen will. Die einen finden den Apollos ganz in Ordnung, andere kommen mit Petrus zurecht und wieder andere sind von Paulus begeistert. Die Korinther geraten in Streit miteinander, wer der bessere Diener ist. Sie stellen eine bestimmte Person in den Vordergrund und andere Personen werden auf die Seite gestellt. Die größte Gefahr ist allerdings, dass Gott dabei vollständig in den Hintergrund tritt oder gar vergessen wird.

 

Die Korinther sind der Meinung, dass sie weise sind. Doch Paulus belehrt sie eines Besseren. Er bezeichnet ihre Weisheit als Torheit und ihren vermeintlichen Tiefsinn als Unsinn. Paulus nimmt kein Blatt vor den Mund. Letztlich zeigt er auf, dass alle zu Jesus gehören.

 

In 1. Kor. 4 fährt er fort:

 

1 Ihr seht also, wie ihr von uns denken müsst: Wir sind Menschen, die im Dienst von Christus stehen und Gottes Geheimnisse zu verwalten haben.

 

2 Von Verwaltern wird verlangt, dass sie zuverlässig sind.

 

3 Aber für mich zählt dabei nicht, wie ich von euch oder von irgendeinem menschlichen Gericht beurteilt werde. Auch ich selbst maße mir kein Urteil an.

 

4 Mein Gewissen ist zwar rein, aber damit bin ich noch nicht freigesprochen, denn mein Richter ist der Herr.

 

5 Urteilt also nicht vorzeitig, bevor Christus kommt, der das Verborgene ans Licht bringen und die geheimsten Gedanken enthüllen wird. Dann wird Gott das Lob austeilen, so wie jeder und jede es verdient.

 

Paulus betont hier nochmals, dass die anderen und er Diener Gottes sind, Gottes Geheimnisse verwalten und in dieser Rolle zuverlässig zu sein haben. Ihm ist nicht wichtig, was ein Mensch über ihn denkt. Ihm ist allein das Urteil von Jesus wichtig.

 

In Vers 5 ermahnt er die Korinther. Er warnt sie davor, vorzeitig zu urteilen. Wenn wir ein Urteil fällen, schlüpfen wir in die Rolle eines Richters. Wer ist Richter? Jesus! Und bevor Jesus kommt, sollen wir nicht urteilen. Denn Jesus bringt das Verborgene ans Licht und offenbart die Gedanken unseres Herzens (Vers 5). Diese Aufgabe steht uns nicht zu. Und Gott wird jeden in dem Maß loben, wie wir es verdienen.

Die Gefahr ist, dass wir uns von der Anerkennung von Menschen abhängig machen. Wir dürfen uns immer wieder bewusst machen, dass es nicht darauf ankommt, was Menschen denken und über uns reden. Ps. 29:

 

25 Menschenfurcht ist eine Falle. Wer auf den Herrn vertraut, ist in Sicherheit.

 

Wir entscheiden, ob wir in Angst und Furcht oder in Sicherheit leben. Wir sind Gottes geliebte Kinder. 1. Tim. 4:

 

16 Wir haben erkannt und geglaubt die Liebe, die Gott für uns hat. Gott ist Liebe. Wer in der der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott in ihm.

 

Röm. 8:

 

15 Denn ihr habt nicht einen Geist der Knechtschaft empfangen wieder zur Furcht, sondern einen Geist der Sohnschaft habt ihr empfangen, in dem wir rufen: Abba, Vater. Der Geist selbst bezeugt zusammen mit unserem Geist, dass wir Kinder Gottes sind.

 

Ich möchte noch auf zwei Verse von Jesus aus Mt. 7 eingehen:

 

1 Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet!

 

2 Denn mit welchem Gericht ihr richtet, werdet ihr gerichtet werden, und mit welchem Maß ihr messt, wird euch zugemessen werden.

Jesus warnt uns hier eindeutig vor den Konsequenzen, die das Richten über andere mit sich bringen. Denn er wird unseren Maßstab anlegen, den wir bei anderen haben. Ich bin davon überzeugt, dass wir, wenn wir uns dessen bewusst machen bzw. sind, uns hüten werden, jemanden zu richten.

 

Was sollen wir stattdessen tun? Kol. 3:

 

13 Ertragt einander und vergebt euch gegenseitig, wenn einer Klage gegen den anderen hat; wie auch der Herr euch vergeben hat, so auch ihr!

 

Paulus ermutigt uns, unsere Mitmenschen zu ertragen. Das macht deutlich, dass wir davon ausgehen dürfen, dass es Menschen geben wird, mit denen wir einfach nicht so können, die uns nerven und vielleicht sogar aufregen, ärgern und wütend werden lassen. Wenn wir sie ertragen, bringen wir ihnen Liebe entgegen. Das heißt: Wir halten den anderen bspw. aus, ohne ihn anzugehen. Dabei ist zu bedenken: Wissen wir denn, wie viele Menschen uns aushalten und uns dadurch ihre Liebe zeigen?

 

Und im zweiten Teil dieses Verses ermahnt uns Paulus, anderen zu vergeben. Er erinnert daran, dass auch uns vergeben worden ist. In Mt. 6 wird deutlich, dass uns vergeben wird, wie wir anderen vergeben:

 

12 und vergib uns unsere Schulden, wie auch wir unseren Schuldnern vergeben haben;

 

Jesus hätte diese Bitte anders formulieren können. Er hätte den zweiten Teil weglassen können. Doch die Vergebung gehört zum Wesen Gottes. Und da wir Jesus ähnlich werden sollen, soll eine vergebende Haltung auch zu unserem Wesen gehören. Zudem wird wie beim Richten deutlich: So wie wir anderen vergeben, wird uns von Gott vergeben werden. Jak. 4:

 

11 Redet nicht schlecht übereinander, Brüder! Wer über einen Bruder schlecht redet oder seinen Bruder richtet, redet schlecht über das Gesetz und richtet das Gesetz. Wenn du aber das Gesetz richtest, so bist du nicht ein Täter des Gesetzes, sondern ein Richter.

 

12 Einer ist Gesetzgeber und Richter, der zu retten und zu verderben vermag. Du aber, wer bist du, der du den Nächsten richtest?

 

Was ist schlecht reden?  Wir reden schlecht, wenn wir jemanden in unseren Äußerungen negativ bewerten. Diese Bewertung stellt einerseits ein Urteil dar, andererseits lässt sie den anderen zudem schlechter darstellen, als er ist. Paulus fordert uns auf, dies nicht zu tun. Er erklärt es: Wenn ich schlecht über jemand rede, rede ich schlecht über das Gesetz. Wenn ich jemand richte, richte ich das Gesetz. Jetzt können wir fragen: Was hat das eine nun mit dem anderen zu tun? Vordergründig besteht kein Zusammenhang. Doch wenn wir darüber nachdenken, stellen wir Folgendes fest:  Im Wort Gottes finden wir viele Bibelstellen, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen sollen. Jesus hat uns einen christlichen Lebensstil vorgelebt. Daran sollen wir uns orientieren. Paulus sagt in aller Deutlichkeit: Wir sollen Täter des Gesetzes und nicht Richter sein. Jesus ist der einzige, der das Recht hat, über andere zu richten.

 

Wenn wir über andere schlecht reden oder andere richten, handeln wir nicht nach Gottes Gebot. Wenn wir gegen Gottes Gebot handeln, obwohl wir es kennen, ist es so, als ob wir über Gottes Gebot schlecht reden oder es richten würden. Eins müssen wir bedenken: Unser Handeln fällt auf das Wort Gottes und somit auf Gott zurück. Und das sowohl im positiven wie im negativen Sinn.

 

Jetzt noch eine Frage: Darf ich denn keine Kritik äußern? Schauen wir uns Jesus an: Er hat nicht schlecht über seine Mitmenschen geredet. Doch er hat ihr Handeln kritisiert. Das ist ein Unterschied. Das „Schlecht reden“ betrifft immer den Menschen in seiner Person. Die Kritik soll sein Handeln betreffen.

 

Zusammenfassend können wir sagen:

 

Wir sollen Menschen nicht verherrlichen.

 

Wir sollen Täter des Wortes sein und nicht in die Rolle eines Richters schlüpfen.

 

Wir sollen einander ertragen. Das ist Liebe!

 

Wir sollen nicht schlecht über andere reden.

 

Jetzt frage ich: Tun wir, was wir tun sollen? Lassen wir die Dinge, die wir nicht tun sollen? Nein! Sonst hätten Jesus und auch Paulus nicht darüber reden müssen. Gott hat dafür gesorgt, dass wir die Bibel haben. Unser Part ist, sie zu lesen. Und das Beste ist, dass wir den Heiligen Geist haben. Unser Part ist, auf ihn zu hören. Joh. 14

 

26 Der Beistand aber, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich zu euch geredet habe.

 

Gott segne euch. Amen.