Vorherbestimmung oder freier Wille/22.09.2014

Heute möchte ich mit zwei Fragen beginnen:

1. Wer von euch ist der Meinung, dass das Leben vorherbestimmt ist?

2. Wer von euch ist der Meinung, dass wir einen freien Willen haben und unser Leben selbstbestimmt gestalten können?

Diese beiden Aussagen sind widersprüchlich. Welche Aussage ist nun zutreffend? Viele Philosophen haben sich mit diesem Thema auseinander gesetzt, sich darüber Gedanken gemacht und verschiedenste Thesen aufgestellt. Aber diese Thesen bleiben nur menschlicher Natur, sie entspringen dem menschlichen Verstand. Sie mögen sich klug anhören. Aber die Frage bleibt: Was ist wahr?

Wenn es um Wahrheit geht, geht es nicht darum, was wir für wahr halten, sondern darum, was Gott sagt. Jesus sagt: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben (Joh. 14,6a). Wenn wir also wissen wollen, was wahr ist, müssen wir uns mit dem Wort Gottes auseinandersetzen. Wir dürfen allerdings nicht hergehen und einzelne Bibelstellen herausnehmen, um damit unsere persönliche Meinung zu begründen. Es geht darum, möglichst alle Aspekte und Aussagen der Bibel zu berücksichtigen und entsprechend einzuordnen.

1.    Aspekt: Allwissenheit Gottes

Gott weiß um alles. Ihm ist alles gegenwärtig. Dies war David bewusst. Er schreibt dazu in Ps. 139:

1 Herr, du erforschst mich und kennst mich!

2 Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne.

3 Du beobachtest mich, ob ich gehe oder liege, und bist vertraut mit allen meinen Wegen;

4 ja, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, Herr, nicht völlig wüsstest.

Gott kennt uns. Wir können vor ihm nichts verbergen. Wir können uns vor ihm nicht verstecken. Gott kennt aber nicht nur uns, er kennt alle Ereignisse. Er kennt die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Dieses Wissen bezieht er in seinen Plan ein. Sein Plan ist die Erlösung seines Volkes, der Bau der Gemeinde und der Sieg über Satan.

Eph. 1:

7 In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Übertretungen nach dem Reichtum seiner Gnade,

8 die er uns überströmend widerfahren ließ in aller Weisheit und Einsicht.

9 Er hat uns das Geheimnis seines Willens bekanntgemacht, entsprechend dem [Ratschluss], den er nach seinem Wohlgefallen gefasst hat in ihm,

10 zur Ausführung in der Fülle der Zeiten: alles unter einem Haupt zusammenzufassen in dem Christus, sowohl was im Himmel als auch was auf Erden ist

Gott weiß um alles. Aber dieses Wissen bedeutet nicht, dass er alles verursacht und alles verantwortet, was geschieht. Es bedeutet, dass Gott alle Dinge, die geschehen, in sein Wirken einbezieht und Teil seines Ratschlusses sind. Er hat in seiner Weisheit Pläne geschmiedet, die er zur Vollendung führen wird. Dadurch werden auch vermeintliche Umwege und Probleme ihm zur Ehre.

2. Aspekt: Der Ratschluss Gottes

Eph. 1:

11 In ihm (Christus) sind wir auch zu Erben eingesetzt worden, die wir dazu vorherbestimmt sind nach dem Vorsatz dessen, der alles wirkt nach dem Ratschluss seines Willens;

Jes. 14:

26 Das ist der Ratschluss, den er hat über alle Lande, und das ist die Hand, die ausgestreckt ist über alle Völker.

27 Denn der HERR Zebaoth hat's beschlossen - wer will's wehren? Und seine Hand ist ausgestreckt - wer will sie wenden?

Jes. 46:

9 Gedenkt des Vorigen, wie es von alters her war: Ich bin Gott, und sonst keiner mehr, ein Gott, dem nichts gleicht.

10 Ich habe von Anfang an verkündigt, was hernach kommen soll, und vorzeiten, was noch nicht geschehen ist. Ich sage: Was ich beschlossen habe, geschieht, und alles, was ich mir vorgenommen habe, das tue ich.

11 Ich rufe einen Adler vom Osten her, aus fernem Lande den Mann, der meinen Ratschluss ausführe. Wie ich's gesagt habe, so lasse ich's kommen; was ich geplant habe, das tue ich auch.

Aus diesen Bibelstellen könnten wir schließen, wir sind nur Marionetten. Eine Marionette trägt für ihr Tun keine Verantwortung. Verantwortung für das Handeln von Marionetten hat derjenige, der an den Fäden zieht. Wären wir nur Marionetten in der Hand Gottes, hätte Gott für alles, was geschieht, die Verantwortung zu tragen. Er könnte uns somit nicht zur Verantwortung ziehen.

Was machen diese Bibelstellen aber wirklich deutlich?

Sie zeigen, dass Gott einen Plan und einen Ratschluss hat. Seinen Plan und seinen Ratschluss führt er aus. Er hat die Macht und die Weisheit, um sie auszuführen. Die Ausführung geschieht zu seiner Ehre und dient unserer Erlösung.

Ein Beispiel:

Gott ließ die Sünde zu, die Adam und Eva begangen haben. Aber er hat zu ihnen nicht gesagt: Esst von den köstlichen Äpfeln vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Das Gegenteil war der Fall. Gott hat ihnen ausdrücklich geboten, von diesem Baum nicht zu essen. Dies war das einzige Gebot, das sie hatten. Adam und Eva wurden durch dieses Gebot auf die Probe gestellt. Es ging dabei um die Frage des Gehorsams/ Ungehorsams und um die Frage des Vertrauens der Menschen Gott gegenüber. Gott schuf Adam und Eva nicht fehlerhaft. Er beschrieb den Menschen nach der Erschaffung als sehr gut. Gott wollte also Menschen mit moralischer Handlungsfreiheit und der Fähigkeit zu Gehorsam oder Ungehorsam. Adam und Eva hatten die Wahl und somit einen freien Willen. Gott hat diese Entscheidung nicht getroffen, es war die Entscheidung von Adam und Eva, dass sie von dem Baum kosteten. Wusste Gott, wie sie sich entscheiden würden? Ja! Hat er sich über ihre Entscheidung gefreut? Sicher nicht! War das das Ende der Beziehung Gottes zu den Menschen? Nein! Gott hat einen Ausweg, einen Heilsplan entworfen.

Zwar hatten Adam und Eva die Konsequenzen ihres Handelns zu tragen, aber Gottes Liebe, die er zu den Menschen hat, hat nicht aufgehört. Gottes Liebe kommt in seinem Heilsplan, den er für die Menschen entworfen hat, zum Ausdruck. Dieser Plan beinhaltet seine Bereitschaft, das Leben seines Sohnes hinzugeben, damit wir ewiges Leben in Gemeinschaft mit Gott haben können (Joh. 3,16). Dadurch offenbart Gott seine Liebe, die er zu uns Menschen hat.

3. Aspekt: Die Souveränität Gottes

Eph. 1:

3 Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus.

4 Denn in ihm hat er uns erwählt, ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten; in seiner Liebe

5 hat er uns dazu vorherbestimmt, seine Kinder zu sein durch Jesus Christus nach dem Wohlgefallen seines Willens,

6 zum Lob seiner herrlichen Gnade, mit der er uns begnadet hat in dem Geliebten.

Diese Bibelstelle scheint zu belegen, dass alles, auch unsere Errettung, ein Resultat des göttlichen Willens ist. Somit würde Gott die Wahl treffen und vorherbestimmen, wer errettet wird. Aussagen von Jesus scheinen aber zu belegen, dass der Mensch selbst Entscheidungen trifft und somit einen freien Willen hat.

Offb. 22,17b: und wer da will, der nehme das Wasser des Lebens umsonst.

Mt. 23,37: Jerusalem, Jerusalem! … Wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen, wie eine Henne ihre Küken versammelt unter ihre Flügel; und ihr habt nicht gewollt!

Joh, 5,40: aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet.

Welche Position ist nun wahr? Beide Positionen stehen in der Bibel. Also sind beide Positionen wahr! Für uns mögen diese Aussagen widersprüchlich sein, weil wir ein begrenztes Vorstellungsvermögen haben. Unsere Unfähigkeit, beide Positionen miteinander zu vereinbaren, macht weder die eine noch die andere unwahr.

Über C.H. Spurgeon, einer der bekanntesten Prediger des 19. Jahrhunderts, wird folgende Anekdote erzählt. Er wurde einmal gefragt, wie er die Erwählung Gottes und den freien menschlichen Willen für sich in Einklang bringt. Er antwortete: „Das würde ich gar nicht versuchen. Freunde brauche ich nicht in Einklang zu bringen.“

Torrey sagt, dass die Vorkenntnis Gottes die Voraussetzung dafür ist, um die Vorherbestimmung Gottes und die freie Entscheidung des Menschen in Einklang bringen zu können. Dafür gibt er folgendes Beispiel:

Die Taten von Judas und die der anderen hat Gott in seinen Plan hineingenommen und somit zu einem Teil seines Planes gemacht. Aber das heißt nicht, dass diese Männer in ihrer Entscheidung nicht vollkommen frei gewesen wären. Als Judas bspw. Jesus verriet, tat er es nicht, weil Gott wusste, dass er es tun würde. Die Tatsache, dass er es tun würde, war die Grundlage dafür, dass Gott davon wusste. Die Vorkenntnis Gottes bestimmt das Handeln eines Menschen genauso wenig, wie wenn er erst im Nachhinein davon erfahren würde. Die Tatsache bestimmt die Kenntnis, nicht die Kenntnis die Tatsache.

Gottes Plan war von Anfang an die Erlösung der Menschen durch den Tod Jesu. Die Tatsache, dass Judas Jesus verraten würde, hat Gott zur Kenntnis genommen und in seinen Plan mit einbezogen.

Gott weiß von Ewigkeit her, was jeder Mensch tun wird. Er weiß, ob er sich dem Geist beugen und Christus annehmen oder dem Geist widerstehen und Christus ablehnen wird. Weil Gott im Voraus weiß, wie jemand auf sein Angebot der Gnade reagiert, kann er auch aufgrund dessen die Menschen im Voraus erwählen. Wer traf die Entscheidung? Es bleibt: Wer ihn annimmt, für den ist ewiges Leben bestimmt. Wenn jemand verlorengeht, dann einfach nur deshalb, weil er nicht zu Christus kommen und Leben empfangen will.

Gott erkennt also unseren freien Willen an, hat aber gleichzeitig Vorkenntnis darüber, wie wir uns bei Entscheidungen verhalten. Gott bezieht diese Vorkenntnis in sein Handeln mit ein und kann trotz unserer Entscheidungen seinen Plan umsetzen, indem er bspw. Vorkehrungen trifft.

4. Aspekt: Die Weisheit Gottes

Josef hat in seinem Leben sehr viel Leid erfahren, obwohl er Gott geliebt hat. Dieses Leid kam von Menschen, die ihm nahe standen und denen er vertraut hat. Dies hätte ihn bitter werden lassen können. Aber er vertraut in erster Linie Gott. Er wendet sich von Gott nicht ab und plötzlich und unerwartet verändert sich die Lebenssituation von ihm. Er wird auch nicht bitter gegen die Menschen, die es böse mit ihm meinten. Er sagt in 1. Mos. 50,20 zu seinen Brüdern:

Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.

Wir sehen, dass Gott das böse Tun und die bösen Absichten von Menschen in sein Handeln einbezieht, so dass sein Plan am Ende dennoch geschieht. Nicht das Böse steht im Vordergrund, sondern das Gute, das Gott wirkt. Das Wirken Gottes wird zum Segen für uns Menschen. Und was tun wir? Wir können ihm danken und ihm die Ehre erweisen, die ihm allein zusteht.

Was heißt das nun für uns?

Wir wissen, Gott ist  allmächtig, souverän und weise. Er hat einen Plan. Er hat auch einen Plan für unser Leben. Wir wissen aber auch, dass wir keine Marionetten sind. Gott hat uns einen freien Willen geschenkt. Wir haben gesehen, dass Gott sein Wissen über unser Handeln in seinen Plan einbezieht. Jetzt stellt sich die Frage, beziehen wir Gott in unsere Pläne, in unser Handeln ein? Lassen wir uns führerlos wie ein kleines Boot auf dem Meer von den Wellen des Lebens hin und herschaukeln? Was ist die Grundlage unserer Entscheidungen? Übernehmen wir Verantwortung für unser Leben, indem wir Entscheidungen treffen, die im Willen Gottes sind? Dazu ist es allerdings erforderlich, dass wir uns von ihm führen lassen, eine Beziehung zu ihm haben und ihm vertrauen. Gott liebt uns. Er will unser Bestes, auch wenn das abgedroschen klingt.

Ich möchte euch ermutigen – egal wie eure Situation gerade aussieht, Gott neu zu vertrauen und euer Leben und eure Entscheidungen in die Hand Gottes zu legen.