Weihnachten/24.12.2013

Der Stern leuchtet von Marie Luise Kaschnitz

Der kleine Junge hockte auf dem Fußboden und kramte in einer alten Schachtel. Er förderte allerhand wertlose Dinge zutage – darunter auch einen glänzenden Stern. „Was ist das?“, fragte er seine Mutter. „Ein Weihnachtsstern“, antwortete sie, „etwas von früher, von einem alten Fest.“ „Was war das für ein Fest?“, fragte der Junge. „Ein langweiliges“, sagte die Mutter, „die ganze Familie stand in der Wohnstube um einen Tannenbaum und sang Lieder. Und an der Spitze der Tanne befestigte man den Stern. Er sollte an den Stern erinnern, dem die Hirten nachgingen, bis sie den kleinen Jesus in der Krippe fanden.“ „Den kleinen Jesus“, fragte der Junge, „was soll das nun wieder sein?“ „Das erzähle ich dir ein anderes Mal“, sagte die Mutter. Und damit öffnete sie den Deckel des Müllschluckers und gab ihrem Sohn den Stern in die Hand. „Du darfst ihn hinunterwerfen und aufpassen, wie lange du ihn noch siehst.“ Der Junge warf den Stern in die Röhre und lachte, als er verschwand. Aber als die Mutter wieder kam, stand  er wie vorher über den Müllschlucker ge-beugt. „Ich sehe ihn immer noch“, flüsterte er. „Er glitzert. Er ist immer noch da.“

Als ich nach einer Geschichte für den heutigen Gottesdienst gesucht habe, habe ich mich gefragt: Ist diese Geschichte wirklich passend? Sie wirkt eher kalt und abweisend dem Weihnachtsfest gegenüber. Sie ist auf den ersten Blick auch nicht auferbauend und ermutigend. Diese Familie scheint Weihnachten nicht nur nicht mehr zu feiern, sondern auch vergessen zu haben. Reste an weihnachtlichem Dekorationsmaterial befinden sich noch in einer alten Schachtel, mit der sich das Kind der Familie beschäftigen darf. Für die Mutter sind die Dinge in dieser Schachtel inzwischen wertlos geworden. Daher scheint sie kein Problem damit zu haben, dass der Junge darin stöbert. Vermutlich ist die Mutter gerade dabei, einiges davon zu entsorgen. Als der Junge einen glänzenden Stern findet, wird er aufmerksam. Er ist neugierig geworden und erkundigt sich bei seiner Mutter über seinen Fund, da er nicht weiß, was er gefunden hat. Die Mutter gibt ihm bereitwillig Auskunft. Ihre Erklärung zum Weihnachtsfest  ist zwar sachlich, aber sie klingt  nüchtern und abschreckend. „Was mag sich der Junge dabei gedacht haben?“, habe ich mich gefragt. Was mag er sich bei dieser Erklärung zu Weihnachten vorgestellt haben. Was würde dir bei einer derartigen Erklärung in den Sinn kommen? Vielleicht würdest du denken: Gut, dass es dieses Fest nicht mehr gibt, nicht dass noch jemand auf die Idee kommt, um den Baum tanzen zu wollen. Der Junge hat auf jeden Fall nicht gesagt: „Du, Mama, ich will Weihnachten feiern. Ich will auch mit dir und Papa um einen Tannenbaum stehen, Lieder singen und an der Spitze der Tanne den Stern befestigen.“

Als die Mutter von Jesus zu erzählen beginnt, vertröstet sie ihren Sohn auf ein anderes Mal. Dies scheint ihr nicht wichtig zu sein, obwohl er doch im Mittelpunkt jedes Weihnachtsfestes stehen sollte. Vielleicht gehört Jesus in ihrer Erinnerung ebenfalls nur zu einem alten Überbleibsel vergangener Zeiten, die in den Müll geworfen werden kann wie der Stern. Der Junge kommt der Aufforderung seiner Mutter nach, den Stern zu beobachten, als dieser im Müllschlucker landet. Normalerweise ist dies ein Akt von wenigen Sekunden. Aber die Mutter findet ihren Sohn fasziniert vom Leuchten des Sterns wieder vor, als sie in das Zimmer zurückkehrt. Der Stern mag zerstört worden sein, aber sein Glitzern hat nicht aufgehört. Er kann vor Staunen über diesen Anblick nur noch Flüstern.

Was bringt uns heute noch zum Staunen? Was bringt uns an Weihnachten zum Staunen? Sind es die Geschenke, die wir heute Abend noch in Empfang nehmen und von uns ausgepackt werden dürfen? Ist es der Weihnachtsbaum oder der Stern an der Spitze unseres Weihnachtsbaumes? Ist es das Leuchten der Augen unserer Liebsten, wenn sie unsere Geschenke auspacken? Oder war da nicht noch etwas anderes, das uns zum Staunen bringen könnte oder vielleicht sogar in Staunen versetzen sollte?

Gehen wir zurück in die Zeit der Geburt Jesu. Wir kennen alle die Weihnachtsgeschichte. Der Weihnachtsstern nahm dabei eine besondere Rolle ein. Er führte die drei Weisen aus dem Morgenland bis zur Krippe im Stall von Bethlehem. Wir wissen nicht, wie lange diese drei Männer unterwegs waren. Aber sie haben sich führen lassen. Sie haben sich von diesem besonderen Stern führen lassen und sie waren sich sicher, dass er sie zu einem König führen würde. Woher sie diese Sicherheit hatten, wissen wir nicht. Aber wir lesen, sie waren hocherfreut, den Stern nach ih-rem erfolglosen Besuch bei Herodes wieder zu entdecken. Herodes hatte nämlich bis dahin keine Ahnung von dem Stern und auch nicht von der Geburt eines Königs. Als er davon erfuhr, war er sichtlich beunruhigt. Er sah die Herrschaft Roms gefährdet.

Die drei Weisen wurden nicht enttäuscht. Der Stern führte sie tatsächlich zu dem Kind, das einmal ein König werden sollte. Was taten sie, als sie das Kind sahen?

Mt. 2,11b: „und fielen nieder und beteten es an und taten ihre Schätze auf und schenkten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe.“

•    Die drei Männer hatten Ehrfurcht und demütigten sich vor diesem Kind, damit erkannten sie seine Stellung als König an.

•    Sie beteten dieses Kind an, damit erkannten sie seine Stellung als Gott an.

•    Sie beschenkten dieses Kind, damit erkannten sie seine Stellung als Mensch an.

Im 12 Jahrhundert wurden ihre drei Geschenke folgendermaßen gedeutet:

Gold ist der Tribut, den man Königen bringt. Weihrauch opfert man Gott. Myrrhe diente auch zur Einbalsamierung. Damit soll also gesagt werden: Der "König der Juden" (Gold) war wahrer Gott (Weihrauch) und wahrer Mensch (Myrrhe).

Nach Marco Polo hätten die Weisen mit ihren Gaben testen wollen, wer dieser "Prophet" sei, den sie suchten: Wenn er ein König wäre, hätte er das Gold genommen, wenn ein Gott, den Weihrauch, wenn ein Heiler, die Myrrhe. Das Jesuskind nahm aber alle drei Gaben.

Wie man diese Dinge nun auch deuten will. Den Weisen war die Stellung dieses Kindes bewusst. Und sie ließen sich von einem Stern führen, der sie so fasziniert hat, dass sie den Weg auf sich genommen haben, um den zu finden, den sie zu finden glaubten. Ihre Suche hatte Erfolg.

Wer ist unser Wegweiser? Der Stern von damals leuchtet nicht mehr. Sein Licht ist erloschen. Der Stern hat seinen Zweck erfüllt. Er hat den Weisen den Weg zu Jesus gezeigt. Aber uns kann der Stern nicht mehr führen. Er kann uns auch nicht mehr faszinieren und in Staunen versetzen. Die Frage ist: Wohin geht unser Weg? Von wem lassen wir uns führen? Wie sieht unser Leben aus? Ist in unserem Leben Licht oder Finsternis?

Ich habe beide Seiten kennen gelernt. Ich habe viele Jahre meines Lebens in der Finsternis verbracht. Mir fällt leider keine andere Begrifflichkeit ein, aber mein Leben war tatsächlich finster. Das hat sich an meiner emotionalen Verfassung gezeigt.  Ich war nicht nur unzufrieden, ich war unglücklich. Ich hatte keinen Frieden, keine Hoffnung, keine Freude und keine Liebe in mir. Und das nicht nur für ein paar Stunden am Tag oder ein paar Tage hintereinander. Dies war meine Grundstimmung für viele Jahre meines Lebens. Mir war dennoch bewusst, dass es eine andere Art zu leben geben muss. Ich wusste aber lange Zeit nicht, wie es mir gelingen sollte, diese andere Art des Lebens zu finden. Ich versuchte aus eigener Kraft, mein Leben in die Hand zu nehmen und zu verändern. Aber mein Leben blieb trotz aller Anstrengung dunkel. Ich war nach jedem dieser Versuche frustriert und entmutigt. Und dann, eines Tages, hat sich mein Leben verändert. Das einzige, was ich tat, war eine Entscheidung zu treffen.

Diese Entscheidung lautete: Jesus als den anzuerkennen, der er ist. Die drei Weisen hatten diese Erkenntnis bereits, als sie mit ihrer Suche nach ihm begonnen haben. Sie begegneten diesem Kind mit dem Respekt und der Ehrfurcht, die man nur Gott entgegenbringt. Wir wissen nicht, ob sich das Leben der drei Weisen nach dieser Begegnung mit Jesus verändert hat. Aber mein Leben hat sich danach verändert, als Jesus mir begegnet ist. Es wurde licht in meinem Leben. Meine Proble-me, die ich zuvor hatte, sind nicht verschwunden. Aber Friede, Hoffnung, Freude und Liebe ist in mein Leben eingezogen. Ich führe als Christ immer noch nicht das Leben, das ich gern führen würde. Ich wäre bspw. gern in meinen Charaktereigen-schaften ein besseres Vorbild für andere. Aber ich weiß, ich bin geliebt und angenommen von dem, der vor langer Zeit wollte, dass es mich gibt. Ich bin ein Wunschkind Gottes – und das bist du auch.

Aber auch als Christ habe ich vor ein paar Jahren erfahren, was es heißt, von Finsternis umgeben zu sein. Ich hätte nie für möglich gehalten, dass ich noch einmal depressiv werden könnte. Und doch geschah es vor ein paar Jahren. Aber eines war anders als damals: Gott ist mit mir durch diese Phase meines Lebens gegangen –  und er geht immer noch mit mir. Er war mit seinem Licht da, auch wenn ich es lange nicht habe ergreifen können. Er hat mich nie alleine gelassen. Ich fühlte zwar das Dunkel um mich herum, ich fühlte mich auch sehr lange einsam und verlassen, aber ich wusste, er ist da. Ich hatte immer die Gewissheit, dass er mich wieder in sein Licht führen würde. Er war da mit seinem Licht und er wartete, bis ich bereit war, mich wieder neu von seinem Licht erfüllen zu lassen und mich neu von sei-nem Licht führen zu lassen.

Wenn ich euch heute vor die Wahl stelle, ein Leben im Licht oder ein Leben in der Finsternis zu führen, für welches Leben entscheidet ihr euch?

Joh. 8,12: Da redete Jesus abermals zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.

Joh. 12,46: Ich bin in die Welt gekommen als ein Licht, damit, wer an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibe.

Jesus bietet uns dieses Licht an. Er hat Licht gebracht in das Leben der Menschen, die ihm begegnet sind. Die Menschen waren erstaunt und fasziniert von ihm. Sie suchten seine Nähe, sie liebten seine Nähe. Wo Jesus war, waren immer viele Menschen. Er hat die Menschen angezogen, weil sie das Licht in ihm wahrnah-men. Sie wollten etwas von diesem Licht abhaben. Aber nur diejenigen, die ihn als denjenigen erkannten, der er war, konnten sein Licht empfangen. 

Und so ist es bis heute geblieben. Jesus lebt zwar nicht mehr unter uns, aber er hat uns den Weg zu Gott, seinem Vater, geebnet, damit er auch unser Vater werden kann. Er bietet uns auch heute noch dieses Licht an. Er möchte sein Licht in uns leuchten lassen. Er möchte uns mit seinem Licht beschenken. Und das ist das größte Geschenk, das man – nicht nur - an Weihnachten erhalten kann.